Mitmachen und das Beste geben

Vom 15. bis 18. Oktober kämpft Marcel Wyss an den Berufsweltmeisterschaften WorldSkills in Abu Dhabi in der Disziplin Sanitär & Heizung («Plumbing & Heating») um die Goldmedaille. Der Sanitärinstallateur hat über 70 Tage in die Vorbereitung mit Trainings und Übungswettkämpfen investiert. Setzt er sich ein Ziel, will er es mit allen Mitteln erreichen.

Marcel Wyss, suissetec magazin 4/17
WorldSkills-Kandidat Marcel Wyss (l.) erhält volle Unterstützung von Ausbildner und Arbeitgeber Marcel Fischer. Foto: Severin Novacki

Der 19-jährige Grindelwaldner gilt nicht als Mann der grossen Worte. Sein Talent liegt viel mehr im handwerklichen Geschick. Auf dem elterlichen Bauernhof aufgewachsen, weiss Wyss seit Kindsbeinen mit den Händen etwas anzufangen. Und weil er zudem das Sanitär-Gen geerbt hat, Urgrossvater und Grossvater werkten schon in der Branche, war die Wunschlehre schnell gefunden. Die absolvierte er ebenfalls in Grindelwald, und zwar bei Marcel Fischer. Nicht nur seinem Ausbildner fiel Wyss’ überdurchschnittliche Begabung für den Beruf bald auf, sondern auch dem Instruktor an den überbetrieblichen Kursen. Der musste dem Schützling Zusatzaufgaben geben, weil er mit den normalen Arbeiten immer weit vor der Zeit fertig war. Ebenso war es der Instruktor, der Marcel Wyss nach der Lehre für die Schweizermeisterschaften motivierte. Gesagt, getan: Im Herbst 2016 trat Wyss in Zürich an und gewann Gold.
Im Vorfeld der  Schweizermeisterschaften hörte er erstmals von den WorldSkills. Er erinnert sich, dass er lediglich für sich dachte: «Ja, erzählt ihr nur…» – Damals hätte er nie davon geträumt, einmal derjenige zu sein, der die Schweizer Farben kommenden Oktober für die Gebäudetechnikbranche vertritt. Doch nachdem er im November 2016 den internen Ausscheidungswettkampf von suissetec gewonnen hatte, war klar: Sein Name wird auf dem Ticket für den Flug in die Vereinigten Arabischen Emirate stehen.

«Marcel Wyss‘ Stärken sind Geschwindigkeit, Präzision und planerisches Verständnis» Coach Markus Niederer

Baggerfahrer, Schafzüchter
«Ich mache mit und gebe mein Bestes», sagt Wyss auf die Ambitionen angesprochen. Für die Weltmeisterschaften ist sein Ehrgeiz noch um einiges grösser als an den Schweizer Meisterschaften. Das bedeutet auch viel Aufwand in der Vorbereitung. Insgesamt 72 Tage wird er bis zum Abflug am 8. Oktober nach Abu Dhabi in fachliche Trainings bei suissetec und im Betrieb investiert haben. Hinzu kommen diverse Team-Events bei SwissSkills, der nationalen Stiftung, welche die Kandidaten aller vertretenen Berufe vor und während des Wettkampfs betreut. Hier lernen die WM-Teilnehmenden etwa den Umgang mit den Medien. «Dafür bin ich nicht unbedingt der Typ», räumt Marcel Wyss ein, auch wenn es ihn nicht aus der Ruhe bringe, für die WorldSkills da und dort im Rampenlicht zu stehen.
Trotz den vielen  Verpflichtungen findet er noch Zeit für sein Hobby: Marcel Wyss gehört eine Herde von 15 Schafen, die er im Sommer auf einer nahegelegenen Alp hält.

Es braucht Flexibilität
Nebst Trainingseinheiten mit seinen beiden Coaches Markus Niederer und Florian Müller im suissetec Bildungszentrum Lostorf, zählten auch Trainingswettkämpfe zum Vorbereitungsprogramm. Nachdem Marcel Wyss bereits in Russland an einem Wettbewerb ausser Konkurrenz eine hervorragende Bewertung erzielt hatte, schwang er in Deutschland Anfang August an einem Wettkampf gegen Konkurrenten aus Deutschland, Grossbritannien, Österreich, der Mongolei und Italien erneut oben aus.
Coach Markus Niederer, seit 2013 WorldSkills-Chefexperte bei «Plumbing & Heating», sieht die Stärken von Wyss bei seiner Geschwindigkeit, der Präzision und seinem planerischen Verständnis. Gerade für Letzteres braucht es geistige Flexibilität. Umso mehr, wenn man weiss, dass 30 Prozent der bereits bekannten Wettkampfaufgabe kurz vor dem Startschuss nochmals geändert werden. Dass Wyss flexibel ist, hat er schon in der Lehre bewiesen: Bei zwei Nebenjobs am Feierabend und am Samstag fuhr er in einem Steinbruch und einem Kieswerk jeweils den Bagger.

Arbeitgeber muss mitspielen
Eine chancenreiche Teilnahme an den WorldSkills ist nur realistisch, wenn der Arbeitgeber dahintersteht. Bei Marcel Fischer und seinem 13-köpfigen Team ist das glücklicherweise der Fall. Fischer stellt Zeit und Werkstatt zur Verfügung, damit sich Wyss in denjenigen Disziplinen perfektionieren kann, die seine Coaches für notwendig erachten. Dazu gehören unter anderem das Löten und Biegen. Generell trainiert Marcel Wyss «im stillen Kämmerlein» einzelne Verarbeitungstechniken. Im Bildungszentrum Lostorf führt er sie schliesslich an der Vorwand aus. Dort zählen vor allem Massgenauigkeit und Zeitmanagement.
Bezüglich Wettkampf im fernen Morgenland, weitab von der Grindelwaldner Bergidylle, sieht Marcel Wyss kein Problem, auch wenn er noch nie so weit von zu Hause weg war. Auch dem Publikumsaufmarsch blickt er gelassen entgegen. Viel mehr freut er sich, dass ihn seine Familie und etwa die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen von Marcel Fischers Firma auf dem Wettkampfgelände ADNEC in Abu Dhabi unterstützen werden.
Die stärksten unter den insgesamt 29 Konkurrenten ortet Marcel Wyss in den deutschsprachigen Ländern; denjenigen Nationen, die ein vergleichbares Bildungssystem wie die Schweiz haben. Gut möglich, dass am Ende sein hohes Arbeitstempo den Unterschied ausmachen wird. Die Aussicht auf eine Zeitreserve erlaube ihm, bei der Endausmarchung noch den nötigen Feinschliff an seinem Werkstück anbringen zu können und es vielleicht mit dem Quentchen Präzision zu krönen, das den goldenen Zehntelpunkt einbringt.
Doch ungeachtet dessen, wie er abschneiden sollte; für Marcel Wyss bleibt in jedem Fall die Hauptsache, «sein Bestes gegeben zu haben».

Marcel Baud («suissetec magazin» 4/17)