Mit gutem Gewissen ins Wellness

Mit gutem Gewissen ins Wellness
Foto: Sabina Bobst

Saunieren, Dampfbaden, den Körper mit Fitnessgeräten in Form bringen – an sich nichts Besonderes. Speziell wird es dann, wenn die gesamte Anlage ohne fossile Energie auskommen will und man beim Training gleich erfährt, wie viel Strom man damit erzeugt. Wie ab kommendem August in der solaren Fitness und Wellnessunit im Empa-Versuchsgebäude NEST, Dübendorf.

Es ist ein ambitioniertes Projekt, das man sich für das obere, nordöstliche Modul von NEST ausgedacht hat. Die Fitness- und Wellnessunit soll betrieben werden, ohne dass der Besucher beim Schwitzen ein schlechtes Gewissen über seinen Energieverbrauch bekommen muss. Immerhin benötigt ein konventionelles Fitnesscenter mit zwei Saunen und einem Dampfbad jährlich gegen 120 000 kWh Strom. Dampf und Wärme werden bisher mit einer Elektrodirektheizung auf die erforderlichen hohen Temperaturen gebracht. Eine energiehungrige, kostspielige Angelegenheit. Insofern liegen Einsparungen im Betrieb solcher Zentren nicht nur im Interesse einer
energetischen, sondern auch einer wirtschaftlichen Ökonomie. Perfekt passend zur Philosophie von suissetec. Der Verband unterstützt das Projekt als Realisierungspartner anlässlich des 125-Jahre-Jubiläums von 2016.

«Die Bedürfnisse der Menschen bleiben. Sie verändern zu wollen, dürfte um einiges schwieriger sein, als nachhaltige Technologien zu entwickeln, um die Ansprüche zu befriedigen.» Mark Zimmermann (Empa)

Montieren ohne Montageanweisung
Mark Zimmermann, der verantwortliche Innovationsmanager vonseiten der Empa, bestätigt, dass im NEST viele Prototypen zum Einsatz kommen – notabene Sinn und Zweck des Versuchsgebäudes. Das bringt es mit sich, dass häufig technische  Datenblätter zu den Komponenten fehlen. Ein Hersteller erprobt etwa in der Fitness- und Wellnessunit neuartige Duschtassen, zu welchen noch keine Einbauanleitungen existieren. Dann sind Silvio Imboden, Geschäftsleiter von suissetec-Mitglied Goldenbohm AG, Zürich, und seine Installateure gefordert. Das Unternehmen hat in der Fitness- und Wellnessunit die Sanitärinstallationen ausgeführt. Im Fall der Duschtasse zehrt der Hersteller von den Installationserfahrungen des Gebäudetechnikers und lässt diese in die Begleitdokumentation des Produkts einfliessen. «Wir fungieren tatsächlich als Versuchskaninchen», bemerkt Imboden lächelnd.
Mark Zimmermann räumt ein, dass solche Prozesse in NEST erwünscht sind: «Wir wollten einen Ort schaffen, an dem die Wirtschaft ihre Entwicklungen besser testen, demonstrieren und schneller marktfähig machen kann.» Imboden spricht voller Stolz vom prominenten Empa-Auftrag: «Hier haben wir die Chance zu zeigen, was wir können.» Ebenso freut sich Denis De Lozzo, Projektleiter Gebäudetechnik beim Mitglied Jaeggi Gmünder Energietechnik
AG, Elgg, über die besondere Wirkungsstätte: «Das ist eben alles andere als 08/15, eine spannende Arbeit!» De Lozzo erledigt gemeinsam mit seinen Kollegen die Installation der Heizkomponenten in der Fitness- und Wellnessunit.

80 Prozent Einsparungen
Das Center soll rund 80 Prozent weniger Energie benötigen, als eine herkömmliche Wellnesseinrichtung. Genau genommen ist das Ziel, den Wellnessbereich, also die «heissen Räume», vollständig mit erneuerbaren Energien zu betreiben.
Als uns Mark Zimmermann durch die Baustelle führt, fallen als Erstes drei stattliche Kokons ins Auge. Sie scheinen im oberen Bereich des 8 Meter hohen Raums frei zu schweben. Die Idee dazu lieferte Architekt Peter Dransfeld, Ermatingen. Der nach zwei Seiten verglaste Saal verspricht ein Trainingserlebnis mit Weitblick. Für die Nordfassade wurde eine 4-fach-Verglasung verwendet, die mit einem U-Wert von 0,3 W/(m2.K) in der Energiebilanz besser abschneidet als eine opak isolierte Aussenwand.
Die Ost-Glasfassade ist zur Hälfte mit photovoltaischen Elementen bedeckt, die für etwas Abschattung sorgen, aber vor allem Strom generieren. Zwei weitere Photovoltaikanlagen zur Stromproduktion bedecken die gesamte Dachfläche und einen Teil der Südfassade der Unit. Es sind Glas-Glas-Module,
die das Sonnenlicht auf der Vorder- und der Rückseite in elektrische Energie umwandeln – reflektiert durch das Material des Dachs bzw. die weisse Verkleidung der Fassade. Dadurch erwartet man bis zu 10 Prozent
höhere Erträge.
Die drei Ellipsoide beherbergen Dampfbad, finnische und Biosauna, die der Benutzer über separate Zugangsstege erreicht. Finnische und Biosauna sind mit Sichtfenstern versehen, die den Blick bis zu den Alpen freigeben. Im unteren Bereich der Unit stehen die Fitnessgeräte; so zum Beispiel ein Laufband, das ohne Strom funktioniert, lediglich angetrieben von den Beinen seines Nutzers. Weiter finden sich hier Garderoben und Duschen.

Neuartige CO2-Wärmepumpe
Dass die benötigte Hitze und der Dampf nicht ein Elektroheizstab erzeugt, sondern die Energie einer hocheffizienten CO2-Wärmepumpe, macht den Unterschied. Und die Wärmepumpe wird erst noch mit Solarenergie betrieben. Um ihren Verdichter anzutreiben, braucht sie nur einen Drittel des Stroms eines Standardsystems.
Entwickelt hat die polyvalente Wärmepumpe die Firma Scheco AG, Winterthur, gemeinsam mit der NTB Interstaatlichen Hochschule für
Technik, Buchs. So viel Hendrik Schönfeld, Projektleiter Anlagenbau bei Scheco, weiss, ist es die erste CO2-Wärmepumpe, die Temperaturen bis 120 °C. erzeugen kann. Auf ihr basiert das gesamte Energiekonzept der Anlage. Die Maschine ist in der Lage, Wärme über eine Temperaturskala von 30 bis 120 °C. nutzbar zu machen. Das heisst, sie versorgt die finnische Sauna, den mit 90 °C hungrigsten Verbraucher, den Dampferzeuger für das Dampfbad (80 °C), die Biosauna (55 °C), das Duschwasser (40 °C) und die Heizung (30 °C).
Klar ist, dass für Scheco wie auch für andere Hersteller die Fitness- und Wellnessunit eine Spielwiese ist, um neuartige Technologien zu erproben. Die Wärmepumpe wird fernüberwacht, Funktionen und aussergewöhnliche Zustände laufend ausgewertet. Man will wissen, ob die angestrebten Effizienzziele erreicht werden.
«Wir wollen hier die Grenzen ausloten. Und manchmal muss man sie auch überschreiten, um zu erfahren, wo sie liegen», sagt Schönfeld.
Mark Zimmermann hat die Messlatte für die solare Fitness und Wellnessunit äusserst hoch angesetzt. Er will die Anlage so energiesparend wie irgend möglich betreiben – und zwar, ohne dass der Besucher beim Trainings- und Wellnesserlebnis Abstriche machen muss. Zimmermann spricht damit eine Grundprämisse im energetischen Wandel an: «Die Bedürfnisse der
Menschen bleiben die gleichen. Sie verändern zu wollen, dürfte um einiges schwieriger sein, als nachhaltige Technologien zu entwickeln, welche die Ansprüche befriedigen. Ein Dampfbad ohne Nebel ist halt kein Dampfbad.» ‹

Marcel Baud («suissetec magazin» 3/17)