Leidenschaft für altes Metall

Aus dem Unterstand ertönt lautes, maschinelles Kreischen. Ich blicke unter die Zeltplane. Da steht eine Gestalt in weissem Ganzkörperschutzanzug, Handschuhen, Schutzbrille und Atemmaske. Sie entpuppt sich als Daniel Wildhaber, Spengler bei der Scherrer Metec AG,  Zürich. Wildhaber befreit mit der Schleifmaschine 1280 Kupferschindeln am Rand von einer 60-jährigen Patina.

Leidenschaft für altes Metall
Foto: Frederic Meyer

Die Schindeln formen das Turmdach der reformierten Kirche von Hombrechtikon ZH. Die vom bekannten Appenzeller Baumeister Johann Ulrich Grubenmann geplante Kirche war in ihrer jetzigen Form von 1758 bis 1759 erbaut worden. Dieses Jahr wurde sie umfassend renoviert. Mit von der Partie: die Spezialisten der Bauspenglerei Scherrer Metec AG. Ihre Mitarbeiter sanierten das Dach des Spitzturmhelms mit seinen vier geschweiften Wimpergen, Turmkugel, Wetterhahn und Wasserspeier. Zudem wurden die Uhrzeiger der Turmuhr und die Sonnenuhr an der Südseite der Kirche restauriert. Die Arbeiten förderten Kuriositäten und überraschende Fundstücke zutage. Kurios die Durch- und Einschusslöcher an Wetterhahn, Turmuhrzeiger, Zifferblatt und Turmkugel. Gerüchten zufolge feuerte jemand mindestens einen Schuss vom nahegelegenen Gasthaus aus ab, einem Lokal, wo die Schützen zuweilen feucht-fröhlich ihre Kränze feierten.
Eine kleine Sensation ist die Zeitkapsel, welche die Spengler in der Turmkugel entdeckten. Die ovale, zugelötete Kupferbüchse stammt aus dem Jahre 1959 des vorigen Jahrhunderts, als die Kirche letztmals eine Sanierung erlebte. Unter anderem enthielt sie eine Dimafon-Schallplatte, etwa mit dem Bericht, dass die Sowjets erneut einen Satelliten ins Weltall geschossen hätten, einigen Worten des damaligen Pfarrers und dem Gesang einer Schulklasse. Im Zug der Wiederherstellungsarbeiten hat ein Scherrer-Metec-Lernender eine zweite, identische Zeitkapsel gespenglert; darin eingebettet
Erinnerungen von heute. Verborgen in der Turmkugel treten die beiden Zeitkapseln ihren Weg in die Zukunft an.

Architektonische Zeitzeugnisse erhalten
Der mächtige Kirchturm ist vollständig eingerüstet. 48 Meter misst das Bauwerk bis zur Spitze. Als sich der Bauaufzug öffnet und ich gemeinsam mit Andreas Meier, Projektleiter Bauspenglerei, und Polier Ueli Bebi auf Höhe der Wimpergen das Gerüst betrete, wird klar, dass ich eher nicht zum Spengler getaugt hätte. Denn solche Arbeitsplätze sind nichts für Menschen wie mich mit einer Akrophobie (Höhenangst …). Während sich die Mitarbeiter von Scherrer Metec sicher und gewandt in der luftigen Umgebung bewegen, vermeide ich es vor allem, nach unten zu sehen. Zum Glück ist das Gerüst hier zusätzlich mit einem Vlies nach aussen abgeschirmt. So fühle ich mich dem
Abgrund nicht ganz so ausgeliefert.
Historischen Gebäuden, egal welcher Bauart und -höhe zu neuem Glanz zu verhelfen, ist eine Spezialität des suissetec Mitgliedbetriebs. Dazu brauche es Erfahrung, Fachwissen und die Leidenschaft für das Spenglerhandwerk, betont Andreas Meier: «Wenn immer möglich, erhalten wir die alte und wertvolle Bausubstanz. » Das stimmt überein mit dem Credo von Beat Conrad und Beat Scherrer, die  das Unternehmen seit vielen Jahren erfolgreich führen. Selbstverständlich pflegt man die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz intensiv. Obschon es bei jedem Auftrag selbstredend auch ums Geschäft gehe, stecke in solchen Projekten immer viel Herzblut und Engagement.

Teamwork ist das A und O
Zurück auf sicherem Boden schauen wir nochmals bei Daniel Wildhaber vorbei. Nach wie vor herrscht jetzt, Ende August, Hochsommer mit Temperaturen um die 30 Grad. Der Flüssigkeitsverlust im Schutzanzug muss enorm sein. Wildhaber schiebt die Schutzbrille hoch und löst die Atemmaske vom Gesicht. Schweissperlen stehen ihm auf der Stirn. Der Ganzkörperschutz ist Pflicht, da beim Anschleifen der Schindeln feinster Staub aus Patina und Kupfer entsteht. «Den bekommt man fast nicht mehr vom Körper weg», sagt Wildhaber. Um den Knochenjob etwas zu erleichtern, ist für ihn nach täglich fünf Stunden Schleifarbeit Schluss. Der Spengler sieht’s sportlich: «Seit ich das mache, habe ich schon einige Kilos abgespeckt.» Sagt es fröhlich, streift Schutzbrille und Atemmaske wieder über, greift zur Schleifmaschine und  nimmt sich die nächste Kupferschindel vor.
Andreas Meier schätzt gerade den Einsatz von Mitarbeitern wie Daniel Wildhaber sehr: «Ohne Frage ist das eine Heidenarbeit. Und sie ist ziemlich repetitiv. Aber bei einem Projekt wie diesem ist Teamwork das A und O. Da muss jedes Rädchen ins andere greifen.»

Überliefertes Handwerk
Ueli Bebi arbeitet seit 17 Jahren für Scherrer Metec und leitet in Hombrechtikon die Installationen vor Ort. Mit Mauro Kaufmann begleitet ihn in Lernender, der erst vor einer Woche seine Grundbildung angetreten hat. «Das ist ein toller Start, gleich zum Lehrbeginn auf eine so spezielle Baustelle zu  kommen», sagt er. Namentlich im Sanierungsbau basiert im Spenglerhandwerk sehr vieles auf überliefertem Wissen. Wie Meier und Bebi  betonen, sind viele Arbeitstechniken und Kniffe kaum in einem Handbuch zu finden. Kunstspengler geben ihr Handwerkskönnen noch traditionell von Generation zu Generation weiter.
Wenn dann ein Vollblutspengler wie Bebi einen Jungen wie Mauro Kaufmann unter seine Fittiche nehmen darf – Sohn eines Spenglerunternehmers, der nie ernsthaft an einem anderen Beruf als dem des Spenglers interessiert gewesen war –, dann sei das natürlich das höchste der Gefühle. Ihn wird er in den kommenden Jahren, zumindest was den Altbau betrifft, auch diese Philosophie lehren: «Was früher gut ausgeführt war, das macht man noch genauso. Aber was sich heute technisch besser lösen lässt, das löst man natürlich besser. Einfach so, dass das Endergebnis immer noch aussieht wie früher.»

«Was früher gut ausgeführt war, das macht man noch genauso. Aber was sich heute technisch besser lösen lässt, das löst man natürlich besser. Einfach so, dass das Endergebnis immer noch aussieht wie früher.» Ueli Bebi

Zu wenig Überdeckung bei den Kupferschindeln
Aber wie war das jetzt genau mit diesen Schindeln und dem Anschleifen, hake ich nach. Bebi und Meier sind in ihrem Element: Beim Findungsprozesses hätten sie gemeinsam mit dem Architekten Paul Kern das Turmdach von einer Hebebühne aus inspiziert, mit dem Mikrometer Mass genommen und die Varianten diskutiert. Dabei stellten sie fest, dass zwar eine Abtragung an den ursprünglich wohl 0,8 mm starken Kupferschindeln vorhanden war, mit einer aktuellen Dicke von 0,6 bis 0,7 mm ihre Restaurierung und Wiederverwendung aber ohne Weiteres gerechtfertigt werden konnte, gerade wegen der über die Jahre durch Oxidation entstandenen, typischen Patinierung. «Das Hauptproblem stellte sich darin», erklärt Meier, «dass die Schindeln zu wenig Überdeckung hatten.» In den vielen Jahrzehnten zog es besonders bei stürmischem Wetter Wasser nach hinten ins Holz, was zu Schäden an der Unterkonstruktion führte. Der Holzbauer musste deshalb den gesamten Unterbau neu erstellen.
Um die Kupferschindeln technisch aufzurüsten, entschieden die Spengler, mittels Nieten und Verlöten ein kupferverzinntes Band anzusetzen. Hierzu mussten sie, wie beschrieben, zuvor einen Streifen der Patina von den Schindeln entfernen bzw. blankschleifen, damit das neue Metall angelötet werden konnte.
Häufig liegt der Teufel im Detail: Die Schindeln waren für mehr Stabilität zusätzlich mit einer Nut versehen. Diese sollte auch das angesetzte Band aufweisen. Kurzerhand stellten die Metallbauer, die bei Scherrer Metec eine eigene Abteilung bilden, ein Werkzeug her, mit dem sich das Detail exakt nachbilden liess. Die derart aufgerüsteten Schindeln stellen zukünftig sicher, dass aufsteigendes Wasser nicht mehr ins Holz eindringen wird. Das erneuerte Turmdach dürfte so die nächsten 60–70 Jahre wieder einwandfrei seinen Dienst tun.

Kleine Produktionsstrasse auf dem Kirchplatz
Ueli Bebi erklärt, dass Spengler gerade bei Sanierungsarbeiten eine sehr unmittelbare Arbeitstechnik praktizieren: «Wir gehen auf die Baustelle, schauen uns an, was vorliegt, messen und dann kehren wir in die Werkstatt zurück und produzieren.» Manchmal müsse der Zimmermann noch etwas am Holz «ausnehmen », damit die Bleche perfekt passten. Das würde dann aber gleich vor Ort unbürokratisch untereinander abgesprochen. Detailpläne oder CAD- Zeichnungen für ein «Gut zur Ausführung» seien in solchen Fällen unüblich.
Nicht immer lassen sich die originalen Bauteile wiederverwenden. Zum Beispiel versahen die Spengler im Dachkehlenbereich die ganzen wasserführenden Bereiche mit neuen vorpatinierten Kupferblechen. «Das sind sehr heikle Zonen», erklärt Andreas Meier. Dort sammelt sich das gesamte abfliessende Wasser und hier müssen wir auf der sicheren Seite sein, was Dichtigkeit und Langlebigkeit anbelangt.
Klar ist, dass eine Restaurierung bestehender Materialien viel Organisation erfordert. Bei der Hombrechtiker Kirche standen von Scherrer Metec vier bis fünf Spengler und Lernende im Einsatz. Der Arbeitsprozess begann mit dem sorgfältigen Ausbau der Schindeln vom Turmdach und ihrer systematischen Beschriftung. Nur so war garantiert, dass die Dachelemente nach ihrer Bearbeitung wieder an den ursprünglichen Ort gelangten.
Auf dem Kirchvorplatz richtete man zwei Arbeitsstationen ein: den geschilderten Schleifunterstand für Daniel Wildhaber und die Werkbank für Walter Ackeret, der sich um das Annieten und Verlöten der Schindelerweiterungen kümmerte. Bis zum Schluss setzte er gegen 800 Laufmeter Lötnaht. Der Prozess glich quasi einer kleinen Produktionsstrasse, die Ueli Bebi so abstimmte, dass Deinstallation, Aufrüstung und Wiedereinbau möglichst zeitsparend abliefen.«
Um auf historischen Baustellen zu arbeiten, musst du als Spengler unbedingt Freude am Restaurieren haben», sagt Ueli Bebi. «Wer gern zügig grosse Flächen montiert, wird mit einem Kirchturm wie in Hombrechtikon nicht glücklich.»
Er blickt hinauf in Richtung Turmdach, als wolle er möglichst schnell wieder zurück zum Material, mit dem er am liebsten arbeitet. Dann fügt der Vollblutspengler noch an: «Es braucht einfach Geduld. Dieses alte Metall lebt.»

Marcel Baud («suissetec magazin» 4/18)