In Bundesbern angekommen

In Bundesbern angekommen
Mitte: Nationalrat Philippe Bauer (Foto: Béatrice Devènes)

Donnerstag, 13 Uhr, Bern Bundeshaus, Haupteingang. Ende der ersten Woche der Herbstsession. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Auch Nationalrat Philippe Bauer tritt hinaus, begrüsst uns strahlend und bittet um nur zwei Minuten. Er muss noch kurz für ein Gruppenfoto mit anderen Parlamentariern posieren. Dann hat er Zeit.

Kurz darauf lädt uns der Neuenburger Nationalrat hinein, in seinen zeitweiligen Arbeitsplatz im Kuppelbau während der Ratssitzungen in Bern. Philippe Bauer wurde im Herbst 2015 für seinen Kanton und die «FDP.Die Liberalen» ins Parlament gewählt. Zuvor amtete er als Ratspräsident der Neuenburger Kantonsregierung. Hauptberuflich ist der 54-Jährige als Anwalt mit eigener Kanzlei in der Stadt Neuenburg tätig, von wo aus er seit 2010 auch die Mitglieder von suissetec Romandie juristisch berät. Bauer ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Bestmögliche Lösungen im Zentrum
Wie es denn sei, das Leben als Parlamentarier, will ich wissen: «Auf die Mountainbiketour vom Montagabend muss ich aus zeitlichen Gründen jetzt leider verzichten», leitet Philippe Bauer lachend ein, um gleich darauf zu betonen, wie sehr ihn die Arbeit hier fasziniert. Die ersten neun Monate hätten ihm wirklich viel Freude bereitet, er sei angekommen. Bauer nimmt den Ratsbetrieb als Gemeinschaft wahr, die ungeachtet der Positionen für das Gemeinwohl des Landes arbeitet und immer die bestmögliche Lösung anstrebt. Bundesbern spüre er als eigene kleine Welt, in der man viel Zeit mit den leichen Menschen verbringt. Manchmal sei diese Welt auch ein bisschen «falsch», merkt er noch an, immerhin handle es sich um Politik.

Juristische Kompetenz
Den Alltag als Parlamentarier prägen nicht nur Sitzungen im Ratssaal, wo die Meinungen längst gemacht sind und die Entscheidungen vor der Abstimmung weitgehend feststehen. Die meiste Arbeit leisten die National- und Ständeräte im Vor- und Umfeld der Session, in der Fraktion und in den Kommissionen. Hier wird diskutiert und die Strategie ausgeheckt. Philippe Bauer ist unter anderem Mitglied der Kommission für Rechtsfragen. Selbstverständlich, möchte man sagen, denn hier ist der erfahrene Jurist mit seiner Kompetenz zu Hause. Die Papierflut sei immens, mit der man als Parlamentarier konfrontiert werde. Die Dossiers türmen sich schon vor der Session und wachsen während der Sitzungen nochmals deutlich an, mit einer kaum überschaubaren Flut von Anfragen seitens Interessenvertretern und Lobbyisten. «Meiner Meinung nach ist das einfach zu viel», sagt er. Es sei schlicht unmög mit lich, alle Anfragen zu lesen, die Selektion ein Muss. So ist es normal, dass sich die Räte bei den Themen nach ihrem persönlichen Hintergrund und ihren Interessen spezialisieren, bei Bauer also oftmals Sachgebiete mit juristischen Komponenten. Ebenso interessieren ihn Fragestellungen, die etwa Organisationen wie economiesuisse, GastroSuisse, den Arbeitgeberverband oder natürlich suissetec tangieren. Entsprechende Geschäfte sowie Aktivitäten und Veranstaltungen dieser Gruppierungen dürfen sich seiner Aufmerksamkeit sicher sein.

Positiv eingestellte Verbandsmitglieder
Die Protagonisten der suissetec-Mitgliedsbetriebe nimmt Philippe Bauer als äusserst positive Menschen wahr. «Das ist bei Verbandsorganisationen keine Selbstverständlichkeit», weiss er aus Erfahrung. «Ohne suissetec übermässig schmeicheln zu wollen, habe ich den Eindruck, hier ist eine Organisation, die ihren Mitgliedern wirklich sehr viel bietet.» Die Mitglieder müssten jedoch die Angebote auch annehmen, räumt er ein. Und er ist sich bewusst, dass die positive Grundstimmung natürlich auch mit der wirtschaftlich anhaltend florierenden Situation der Gebäudetechnikbranchen zu tun hat.
Auf die häufigsten juristischen Probleme in der Romandie angesprochen, bemerkt Philippe Bauer, es seien eigentlich die gleichen wie in der Deutschschweiz. «Auch in der Westschweiz haben wir es hauptsächlich mit arbeitsrechtlichen Fragen zu tun.» Werkverträge, das Bauhandwerkerpfandrecht, Gesamtarbeitsverträge, ja das Vertragsrecht generell seien Themen, zu denen Mitglieder bei ihm häufig Rat suchten. Politisch will sich Philippe Bauer in Bereichen einbringen, welche die Gebäudetechnikbranchen direkt betreffen. Wenn es zum Beispiel um die aufkommende Konkurrenz von staatsnahen Unternehmen geht wie industriellen Energiebetrieben, die in privatem Umfeld akquirieren und mit der Energierechnung Werbung für die Installation von Solaranlagen versenden. Damit missbrauchten sie ihre Position und brächten das private Gewerbe in Schwierigkeit. Darüber hinaus befasst sich Philippe Bauer mit Problemen, welche die Liberalisierung der Märkte und Arbeitskräfte betreffen. Auch für steuerlich attraktive Rahmenbedingungen für das Gewerbe will er sich im Parlament einsetzen.

Das Umfeld muss mitspielen
Philippe Bauer wohnt während der Session nicht in Bern. Abends nach  der Session stehen meist noch ein, zwei Sitzungen und Veranstaltungen auf dem Programm, bevor er gegen 22 Uhr nach Hause fährt. So bleibt ihm noch etwas Zeit für seine Frau, mit der er, wie er betont, «riesiges Glück» gehabt habe. Sie unterstütze ihn, wo sie könne, und besuche ihn häufig in Bern, verfolge die Sitzungen von der Zuschauertribüne aus und treffe ihn anschliessend zum gemeinsamen Essen.
Morgens, bevor er wieder in die Landeshauptstadt aufbricht, nimmt sich Philippe Bauer noch eine Stunde Zeit, um in seiner Anwaltskanzlei das Wichtigste zu erledigen. Für die Doppelbelastung Anwaltskanzlei/Nationalrat sei es unerlässlich, dass die Menschen in seinem nächsten beruflichen Umfeld das Engagement mittragen. Für Bundesbern investiere er rund 40–50 Prozent seiner Kapazität. Dank den heutigen Kommunikationsmitteln sei es zum Glück einfach, mobil zu arbeiten. «Oft diktiere ich meine Korrespondenz via Telefon und ein Mitarbeiter formuliert dann all die E-Mails», erzählt er. Er empfindet das durchaus als Luxus, den er aber sehr schätzt. Das sei ein kleiner Baustein, um seine vollbepackte Agenda ein wenig zu entlasten. Und wenn dieser Luxus Nationalrat Philippe Bauer dazu dient, für das Land und das gebäudetechnische Marktumfeld bestmögliche Lösungen zu kreieren, dann sei ihm dieser gegönnt. ‹

Marcel Baud («suissetec magazin» 4/16)