In 100 Tagen zu neuem Glanz

In 100 Tagen zu neuem Glanz. Waldhaus Flims. Gebäudetechnik live!, suissetec magazin 1/2017
Foto: Nicola Pitaro

Erklärte Urs Tschalèr einem Laien, dass das «Waldhaus Flims» in weniger als einem Monat Wiedereröffnung feiert – er würde wohl nur ungläubiges Kopfschütteln ernten. Denn ein Laie sähe an diesem 18. November in den Haupt- und Nebengebäuden des Grandhotels noch immer eine stattliche Baustelle, auf der Kolonnen von Installateuren ihrem Werk nachgehen.

Der Bereichsleiter LK bei der Alpiq InTec AG, führt uns gemeinsam mit seinem Chef Theo Joos durch das geschichtsträchtige Fünf- Sterne-Hotel, Grossküchen, die Lüftungs- und Technikzentrale und den beeindruckenden Jugendstilsaal mit Platz für bis zu 500 Gästen. Nur gut drei Monate, von September bis Dezember 2016, beträgt das Zeitfenster, um das historische Luxushotel in Sachen Technik und Ausstattung ins neue Jahrtausend zu transformieren.

Tummelplatz der Ausbaudisziplinen
Vor dem Haupteingang türmen sich Materialkisten, die auf die Entladung warten. Gegenüber hievt ein Kran Lasten herum. Auch ein Bagger steht schon bereit. Wahrscheinlich, um das durch Baumaschinen und Schnee morastig gewordene Terrain wieder in Form zu bringen. Das Baugerüst selbst ist demontiert, und die Jugendstilfassade erstrahlt in neuer Frische. Eher noch von Gips- und Mörtelstaub gezeichnet präsentiert sich das Innere. Praktisch jede handwerkliche Ausbaudisziplin ist in den Restaurants, Küchen, Hotelsuiten und Nebenräumen am Werk. In den Gängen ragen Kabel und Anschlusspanels der Elektriker aus den Wänden. Überall Baustoffe, Werkzeugkisten und Maschinen jeder Art. Es riecht nach frischer Farbe und trocknendem Gips. Zwei Handwerker schleppen eine Steinplatte durch den Gang. Wir stehen im Weg. Die Arbeiten der suissetec-Disziplinen befinden sich mehrheitlich in der Endphase. Die sichtbaren erkennt man in den 142 Gästezimmern und -suiten in den Nassbereichen, die komplett mit neuen Geräten und Armaturen ausgestattet wurden. Urs Tschalèr führt uns in ein fast fertiges Zimmer. Sogar der Teppich ist schon verlegt. Oder korrekt: «gespannt», wie uns der Bündner verrät. «Die haben extra eine britische Firma engagiert, die diese alte Technik ohne Leimen noch beherrscht», verrät er. Es sei die langlebigste Art und gebe ein besonders weiches Gefühl, wenn man darüber schreite. Wir probieren es aus und stimmen zu. Kurz darauf erreichen wir das Dachgeschoss und dürfen (wenigstens einmal in unserem Leben …) einen Blick ins luxuriöse Penthouse mit privater Spa-Zone, Sauna und Innenhof werfen. Ein in die Wand integriertes, grosses Cheminée verbindet ihn mit dem Wohnbereich. Man kann sich gut vorstellen, durch die Flammen tanzenden Schneeflocken zuzuschauen. Ein exklusives Vergnügen für eine zahlungskräftige Klientel.

«Der Informatiker zuckt zusammen, wenn der Heizungsinstallateur mit einer Kernbohrung in den schon fertigen Serverraum  vordringt.» Urs Tschalèr

Kronleuchter, Engelswesen und Lüftungskanäle
Ein Steinwurf vom Grandhotel entfernt betreten wir den Jugendstilsaal mit den für die Epoche typischen Kuppeltürmen oder dekorativen Elementen wie Konsolen für Kerzen, die von filigranen Engelswesen gehalten werden. In einem Nebensaal sind Antonio Da Silva und Marcio Barbosa, zwei Lüftungsanlagenbauer von Alpiq InTec, zugange. Sie montieren gerade neue Elemente unter die Decke. Die Abdeckungen, die es braucht, gibt es so «nicht ab Stange» zu kaufen, erläutert Urs Tschalèr, sondern sie müssen als Unikate angefertigt werden. Alpiq InTec erneuert das gesamte Lüftungssystem, das jetzt dank integrierter Wärmerückgewinnung die kantonalen Energienormen übertrifft. Generell werden die Hotelgebäude durch den Einsatz aktueller Geräteund Technologistandards ihren Energieverbrauch reduzieren, den CO2-Ausstoss minimieren und die Energieeffizienz steigern. Bei den Sanierungsarbeiten treffen die Installateure immer wieder auf Holzintarsien, Stuckaturen, Wandmalereien, prunkvolle Kronleuchter oder dreifach mit Tapete überklebte Wände. Pläne sind längst nicht mehr alle vorhanden. Überraschungen, die sich im alten Gemäuer verbergen, gehören für die Alpiq-Installateure zur Tagesordnung. Doch die sichtbaren Zeugen der Belle Epoque gilt es zu schützen, wenn Da Silva und Barbosa am Montieren sind. Objekte wie das «Waldhaus Flims», deren Fassaden teilweise unter Denkmalschutz stehen, sind sensible Gebäudesubstanz. Von den Fachleuten braucht es deshalb Fingerspitzengefühl. Urs Tschalèr sagt, es gebe auf dem Bau die Spezialisten fürs Grobe und die, welche die Feinmontagen ausführen. «Wenn es an einem Ort heikel wird, dann kennen wir die Kollegen schon, die wir dort einsetzen müssen.» Da Silva und Barbosa gehören offenbar dazu.

Multitec mit rollender Umsetzung
Theo Joos ist Geschäftsführer der Region Südostschweiz. Voller Vertrauen in seine Abteilungsleiter und Installateure sieht er den letzten Installationen bis zur Eröffnung entgegen. Seine Firma hat Ende Juli 2016 den sogenannten Multitec-Auftrag für die Sanierung erhalten. Multitec bedeutet bei Alpiq InTec, dass sämtliche gebäudetechnischen Anlagen, ihre Planung, Sanierung und Installation vom gleichen Unternehmen ausgeführt werden. Als Totalunternehmerin operiert das Verbandsmitglied in den suissetec-Branchen Heizung, Sanitär und Lüftung, bietet aber unter anderem auch Gewerbekälte, elektrotechnische Installationen sowie Informatik- und Kommunikationsanlagen. «Die Verantwortlichen haben ein sportliches Programm vorgegeben», bemerkt Theo Joos. «Den Zuschlag erhielten wir Ende Juli 2016, so hatten wir kaum Vorlaufzeit für die Planung.» Urs Tschalèr und den Abteilungsleitern der einzelnen Gewerke war klar: Oberste Priorität hat, schnellstmöglich die benötigten Materialien zu bestellen. Damit im September sofort mit den Arbeiten begonnen werden konnte. Seither zählt jeder Tag. Bei dieser Vorgabe konnte die Umsetzung gar nicht anders als rollend erfolgen. «Da kommt es vor, dass man mit dem Maurer kurzfristig einen Durchbruch angeht oder ad hoc eine Gipserarbeit organisieren muss», lässt uns Urs Tschalèr wissen. Auch die Personalplanung sei bei einem Projekt dieser Grössenordnung eine Herausforderung. Dazu Theo Joos: «Bei Alpiq InTec profitieren wir in einem solchen Fall davon, dass wir von anderen Filialen Personal beiziehen können.» Obschon Urs Tschalèr eingesteht, dass man noch nie so viele Installateure von so vielen Gewerken an einem Objekt vereint gehabt habe. In der Südostschweiz ist Alpiq InTec mit rund 260 Mitarbeitenden an 16 Standorten von Haus aus schon gut aufgestellt. Für das «Waldhaus Flims» wurden zusätzliche Kräfte der St. Galler und Zürcher Niederlassungen aufgeboten. Die Lüftungsanlagenbauer wurden von St. Moritz nach Flims beordert. Das half, Engpässe zu überbrücken und übermässige Sondereinsätze zu vermeiden. Die gleichzeitige Präsenz so vieler Disziplinen führt auch zu ungewöhnlichen Begebenheiten. Zum Beispiel seien Informatik- und Kommunikationsfachkräfte (ICT) selten auf solchen Baustellen anzutreffen. «Der Informatiker zuckt dann nicht schlecht zusammen, wenn der Heizungsinstallateur mit einer währschaften Kernbohrung durch die Wand zum schon fertigen Serverraum vordringt», schmunzelt Tschalèr. Kommunikation unter den Leuten der Gewerke sei das A und O. Gerade jetzt im Endspurt müssen Urs Tschalèr und seine Kollegen präsent und jederzeit erreichbar sein. Viele Detailfragen sind auf dem kurzen Dienstweg zu klären. Gegenseitige Hilfe wird dabei grossgeschrieben, natürlich auch disziplinen- und verbandsübergreifend. «Hier spielt die erwähnte Multitec-Philosophie», so Theo Joos. Nicht nur an den «eigenen Garten» zu denken, sei im Unternehmen Courant normal, gerade weil man häufig mehrere Gewerke in einem Objekt verwirkliche. «Wenn wir eine Lüftung ersetzen, installieren wir gerne auch den Heizungsanschluss und den Sanitärablauf. Das ist für uns normal», so Theo Joos.

Motivation und Verantwortung
Inzwischen sitzen wir in der grunderneuerten Heizzentrale, die nun mit einem Flüssiggaskessel statt dem alten Ölbrenner betrieben wird, an einem Baustellentisch. Hier werden sonst Pläne ausgelegt oder Znünibrote vertilgt. Urs Tschalèr strahlt trotz Termindruck und immer wieder klingelndem Smartphone grosse Ruhe aus. Theo Joos interpretiert das so: «Ich bin noch nicht so lange bei Alpiq InTec, beobachte aber, dass die Abteilungsleiter der einzelnen Gewerke ihren Job wirklich im Griff haben. Wenn sie sagen, das klappt bis Mitte Dezember bis zur Eröffnung, dann ist das so.» Urs Tschalèr bestätigt, dass er auf erfahrene Profis zählen darf, was seine Arbeit natürlich erleichtert und ihn nachts gut schlafen lässt: «Jeder weiss, dass es immer wieder Situationen gibt, bei denen unkompliziert gehandelt werden muss. Wenn ein Problem auftaucht, haben wir gar nicht die Zeit, lange herumzudiskutieren. Dann braucht es schnelle Lösungen.» Zeit nimmt man sich hingegen, den Mitarbeitenden den einen oder anderen Grillabend oder ein Baustellen-Zmittag zu spendieren. Immerhin sind einige von ihnen während der Renovationsarbeiten Wochenaufenthalter in Flims. Die Motivation unter den Installateuren hochzuhalten, gehört für die Führungsriege bei Alpiq In- Tec genauso zum Erfolgsrezept wie die betriebswirtschaftliche Organisation: «Bei uns haben die Abteilungsleiter weitgehende Kompetenzen. Sie sind nicht nur technisch und personell verantwortlich, sondern legen auch über die Kosten- und Ertragsrechnung Rechenschaft ab.» In diesem Sinn agieren sie als Unternehmer, genau wie der Geschäftsführer eines KMUs. Das empfänden sie als sehr motivierend. Ob es für die Installateure etwas Besonderes sei, in einem so altehrwürdigen und berühmten Hotelkomplex zu arbeiten, frage ich abschliessend. Urs Tschalèr erklärt, dass man in der Bündner Region gebäudetechnische Aufträge häufig im Hotelsektor ausführe, auch in historischen Bauwerken. Dieses Umfeld seien die Mitarbeitenden also gewohnt. Aber das «Waldhaus Flims» sei tatsächlich auch für die alten Hasen kein alltäglicher Arbeitsplatz. Man spüre, dass es das Team «lässig» finde, hier zu wirken und etwas Schönes zu verwirklichen – oder viel mehr zu alter Schönheit auferstehen zu lassen. ‹

Marcel Baud («suissetec magazin» 1/2017)