Home-Office in Argentinien

Home-Office in Argentinien
Foto: Patrick Lüthy (IMAGOpress.ch)

Es ist noch viel zu früh. Will Thomas Kläy mit seinem Planer skypen, schaut er zuerst auf die Uhr, denn es könnte sein, dass dieser noch schläft. Nicht, dass Kläy ein exotischer Frühaufsteher wäre, aber Rafael Scheeren lebt in einer anderen Zeitzone. Genau genommen in Ruiz De Montoya, Argentinien.

Thomas Kläy leitet – oder viel mehr begleitet–, wie er augenzwinkernd präzisiert, seine Kläy Haustechnik AG in Lohn-Ammannsegg SO. Hier werden Sanitär- und Heizungsanlagen geplant und gebaut, meist in der näheren Region. Die ist der Buechiberg, eine Hügellandschaft mit vielen kleinen Gemeinden südwestlich von Solothurn. Das dörfliche Gefühl unterwegs zu Kläy Haustechnik verblasst schnell, wenn man hört, wie der 55-Jährige sein Geschäft betreibt. Seit der eidgenössisch diplomierte Sanitärplaner 1995 die Firma in dritter Generation von seinen Eltern übernommen hat, ist sie von 4 auf 45 Mitarbeitende gewachsen. Drei Viertel davon haben bei ihm die Lehre gemacht.
Nach 70 Jahren in Biberist liess er 2003 in Lohn-Ammansegg das eigene Firmengebäude bauen, inklusive würdiger Betriebskantine. Es sollte ein Raum sein, wo sich seine Installateurinnen und Installateure wohlfühlen (ja, unter den insgesamt zehn Lernenden hat es auch Frauen). Eine weite Fensterfront öffnet den Blick auf den nahe gelegenen Wald. Es gibt eine Küche, eine Kaffeemaschine und zwei mit Getränken gefüllte Kühlschränke. «Auf dem Bau nutzen wir eigene beheizte Baustellencontainer als Pausenraum. Manchmal fragen Kollegen von anderen Firmen, ob sie sich bei uns aufwärmen dürfen», erzählt Kläy.

Akkus gegen Betriebsausfälle
Zurück nach «Ruiz de Montoya»: Rafael Scheeren, Mutter Schweiz-Argentinierin, Vater Brasilianer, lernte bei Kläy Sanitärinstallateur und -planer. Den Vater zog es nach dem Ruhestand zurück in seine alte Heimat. Scheeren Junior ebenfalls.
Das habe ihn sehr geschmerzt, blickt Kläy zurück. Zehn Jahre habe «dieser Topmann» für ihn gearbeitet und der Firmenpatron sah nicht ein, weshalb er zukünftig auf seine Dienste verzichten sollte. Schnelles Internet und Skype hiessen die Zauberworte. So plant Rafael Scheeren noch immer Sanitäranlagen für Projekte in Lüterkofen-Ichertswil, Lüsslingen-Nennigkofen oder Unter- und Oberamsern, einfach 10 348 Kilometern entfernt.
«Mit den Elektrizitätsausfällen hatten wir anfänglich zu kämpfen», erinnert sich Kläy. Im Sommer stürzte in der Provinz Misiones wegen der Klimaanlagen immer wieder das Stromnetz ab und damit auch der Rechner seines argentinischen Freelance-Planers. «Wir haben Rafael dann leistungsstarke Akkus geschickt, damit das nicht mehr vorkommt.»
Thomas Kläy sieht es als Teil seines Jobs, Probleme aus der Welt zu schaffen. Zum Beispiel für die Heizungsplanerin, eine alleinerziehende Mutter, die eines Tages in seinem Büroerschien und ihm eröffnete, dass sie leider kündigen müsse. Sie brauche mehr Zeit für ihre kleine Tochter. Auch ihr richtete Thoms Kläy kurzerhand ein Homeoffice ein. Die Tochter ist inzwischen 15; kein Grund für Kläy, etwas am Heimarbeitsplatz seiner fähigen Mitarbeiterin zu ändern. «Bei uns halten wir an Win win- Situation fest», meint er zufrieden. Auch am Arbeitsverhältnis mit Zeno Lingg rüttelt er nicht. Gut möglich, dass Klein-Thomas (4) gerade draussen auf der Baustelle beim «Sändelen» war, als Lingg bei seinem Vater damals den Arbeitsvertrag unterschrieb. Zeno Lingg wird dieses Jahr 80. Gibt man ihm nie. Strahlend sitzt er am Znünitisch und erzählt von früher, als morgens und mittags die Flasche Bier noch zum Sandwich gehörte wie das Amen in der Kirche. Heute übt Lingg, gelernter Bauschlosser und ab 1965 Heizungsmonteur bei Kläy, dienstags und donnerstags mit den Lernenden das Schweissen. Er schaut zum Magazin, entsorgt Altstoffe und kümmert sich um die Firmenumgebung. Er habe einfach Spass hier. Und überhaupt hätte ihm noch nie ein Arzt gesagt, er solle aufhören.

Astronaut oder Goldschmied
Thomas Kläys Agenda ist nicht nur mit Firmenterminen gut gefüllt. Als Präsident von suissetec Solothurn engagiert er sich für Nachwuchs und Mitglieder. Ob da noch Privatleben Platz hat? Doch! Der Solothurner weiss etwas zu erzählen: Mit dem Schweizer Curling-Nationalteam wurde er 1992 Olympiasieger. Erst vor zwei Jahren musste er mit dem geliebten Sport aufhören. Gelenke und Bänder machten nicht mehr mit. Als Kind wollte er Astronaut werden und: «Könnte ich nochmals etwas ganz Neues anfangen, würde ich Goldschmied.» Hoch hinaus, aber mit viel Bodenhaftung. Beides passt irgendwie zu Thomas Kläy.
Mobbing hasst er wie die Pest. Seine Mitarbeitenden wissen, dass sein Büro für ihre Probleme immer offen steht. Oft konnte er helfen – manchmal auch gegen unternehmerische Prinzipien. Doch was er menschlich vorlebt, lebt draussen weiter. Zum Beispiel im Kundenkontakt. Es macht ihn stolz, wenn er hört, dass seine Leute freundlich sind, auch in der Hektik ruhig bleiben und nicht herumfluchen. Die intakte Betriebskultur und eine ehrliche, offene Kommunikation sind Erfolgsfaktoren bei Kläy Haustechnik. Apropos Kommunikation: Es ist 11 Uhr 30, ein Skype-Anruf aus Argentinien … ‹

Marcel Baud («suissetec magazin» 1/2017)