Hochspannung für Baustellenleiter

Etwas wacklig, aber konzentriert steht Dominik Luchsinger auf der Strickleiter, die er zuvor mit sechs Kollegen zwischen zwei Holzpfosten geknüpft hat. Wird sie halten, während sein ganzes Team das Hindernis überwindet? Schafft er es rechtzeitig, den dritten Pfosten auf die gegenüberliegende Seite zu hieven, damit er dort hinuntersteigen kann?

Hochspannung für Baustellenleiter
Foto: Patrick Lüthy

Was wir sehen, ist keine Übung von draufgängerischen Überlebensabenteurern. Hier, mitten im Wäldchen gleich beim Bildungszentrum Lostorf, beobachten wir die erste OutdoorLektion des neuen Bildungsganges Baustellenleiter/-in, den suissetec seit August erstmals durchführt.
«Macht mal vorwärts, um 12 will ich Zmittag essen», ruft einer im zweiten Team, das sich ebenfalls mit Seil und Hölzern beschäftigt und einen ähnlichen Ansatz wählt, um das Hindernis zu überwinden: Eine zwischen zwei Bäumen gespannte Schnur (als imaginäre Hochspannungsleitung) und eine am Boden markierte (ebenso imaginäre) Betonmauer.
Der Ruf nach dem Mittagessen könnte genauso gut auf dem Bau widerhallen, wenn der Baustellenleiter damit eigentlich ausdrücken will, dass ihm alles viel zu langsam geht. Mit einer durchdachten Arbeits- und Terminplanung bräuchte er sich um sein leibliches Wohl keine Sorgen zu machen; mehr noch, wenn er die Kollegen mit einem motivierenden statt vorwurfsvollen Appell anspornte. Und genau solche Dinge sind es, die der Bildungsgang Baustellenleiter/-in in Lektionen wie «Ressourcenplanung» und «Kommunikationstechniken» vermittelt.

Wie im realen Leben
Mittlerweile stützen Dominik Luchsingers Mitstreiter mit angestrengten Mienen die Konstruktion, als sich ihr «Pionier» auf der anderen Seite herunterhangelt. Erste Jubelrufe. Längst scheinen die sechs Sanitärfachleute vergessen zu haben, dass sie eine spielerische Aufgabe bewältigen. Es wird offensichtlich, wer die Aufträge erteilt, wer anpackt, wer die Sprüche klopft und wer gerne auch mal nur daneben steht. Teamdynamik entfaltet sich und der Vergleich mit dem realen Arbeitsleben liegt auf der Hand. Die Walderfahrung hält den Männern den Spiegel vor und bietet eine Fülle von Stoff, der mit Beat Stähli, der das Modul «Teamführung» moderiert, besprochen gehört: «Die 16 Sanitärfachmänner sind eine sehr gemischte Gruppe» kommentiert er. «Man merkt gut, dass die einen gewohnt sind, Anweisungen zu geben, und es anderen wiederum schwerer fällt, eine Sache zu erklären.»
Einer, der im Alltag tut, was er hier vertieft lernt, ist Cyrill Meier aus Flond GR, tätig für die Cathomen Haustechnik AG, Laax GR. Der gelernte Sanitärinstallateur hat auch in seiner Übungsgruppe die Leitung übernommen. Schnell dirigiert er die Arbeiten. Der bald 40-Jährige findet, jede Weiterbildung bringe einem etwas, egal, in welchem Alter man sie mache: «Vieles, was ich hier höre, ist in meinem Alltag normal. Aber ich habe andererseits durch den Lehrgang auch schon interessante Finessen kennengelernt. Die werde ich als Stellvertreter meines Chefs sicher einsetzen und so den Umgang mit meinen Teamkollegen auf dem Bau weiter verbessern.» Zum Beispiel will Meier zukünftig auf andere Weise kommunizieren: «Es leuchtet mir jetzt ein, dass es beim Empfänger besser ankommt, zuerst etwas Aufbauendes zu sagen, statt gleich mit den Vorwürfen einzufahren.»

Planung bringt Erfolg
Dominik Luchsinger, der Vorauskletterer seiner Gruppe, stammt aus Bütschwil SG und arbeitet bei der Hollenstein AG in Moosnang SG. Auch er hat Sanitärinstallateur gelernt. Mit 23 steht er aber noch am Anfang der Berufskarriere. Der Baustellenleiter reizt ihn, weil er vor allem den Umgang mit den Lernenden in der Firma verbessern will. Auf die Outdoor-Übung angesprochen, sagt er: «Ich bin gewöhnlich einer, der nicht zuerst lange plant und diskutiert, sondern lieber einfach mal loslegt. Aber wie unsere funktionierende Holzkonstruktion gezeigt hat, macht es halt schon Sinn, zuerst etwas sauber vorzubereiten und dann aber gleich beim ersten Versuch Erfolg zu haben.» Eine Erfahrung, die er sicher auf seinen weiteren Weg mitnehmen werde.
Beide Teams schaffen dank einer von Übungsleiter Beat Stähli spendierten Zeitverlängerung und viel Teamgeist letztlich die Überquerung von «Hochspannungsleitung» und «Mauer». «Das ist Einsatz!», «Super gemacht!» und «Bravo!» – so die Ausrufer, die jetzt erklingen. Schweissperlen im Gesicht, klopfen sich die Männer gegenseitig auf die Schulter und sind glücklich, dass sie die Aufgabe erfolgreich bewältigt haben. Auf Beat Stählis Gesicht hingegen erscheint ein wissendes Lächeln. Bestimmte Lerninhalte und Aha-Erlebnisse lassen sich vielleicht tatsächlich mit Machen besser vermitteln als mit Reden.

Marcel Baud («suissetec magazin» 5/17)