«Es braucht ein Umdenken für BIM»

Es braucht ein Umdenken für BIM
Rolf Mielebacher (Foto: Sabina Bobst, Illustration: Daniel Röttele)

BIM «Building Information Modelling» ist in aller Munde, doch viele wissen nicht genau, wovon sie da eigentlich sprechen. Auch suissetec-Betriebe haben es immer öfter mit den drei magischen Buchstaben zu tun, die zukünftige Planungs-, Umsetzungs- und Betriebsprozesse beim Bauen prägen sollen. Einer, der weiss, wovon er spricht, wenn es um BIM geht, ist Rolf Mielebacher vom Zürcher Ingenieur- und Consultingunternehmen Amstein+Walthert AG.

Herr Mielebacher, können Sie in ein, zwei Sätzen erklären, worum es bei BIM geht?
Bei BIM handelt es sich um definierte Prozesse und Abläufe, also um ein neues Instrument beim Bauen und nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen, um eine spezifische Hard oder Software. Manche meinen, dass schon eine simple 3-D-Planung als BIM bezeichnet werden kann. BIM ist viel mehr. Quasi eine übergreifende Methode und Datenplattform, auf die für ein Bauwerk zugegriffen wird.

«BIM muss alle interessieren, die gerne auf dem aktuellen Stand der Technologien sind.»

Sie setzen in Ihrem Unternehmen BIM bereits ein?
In einigen Projekten machen wir das tatsächlich, mitunter auch, weil der Kunde das wünscht. Oft ist der Bauherr der Antreiber, um BIM einzusetzen. Die Herausforderung ist dann, die richtige Softwarelösung einzusetzen, die gleichzeitigen Zugriff aller Beteiligten erlaubt und sicherstellt, dass jederzeit die richtigen Daten zur Verfügung stehen. Wo sehen Sie Vorteile von BIM? BIM erlaubt, dass sämtliche Akteure im Bauzyklus auf die gleiche Basis zugreifen. Dabei sieht der Heizungsplaner auch, was der Ladenplaner projektiert. Daten sind nur einmal und an einem Ort erfasst. Mit BIM als Arbeitsmethode greifen alle Beteiligten stets auf den gleichen Projektstand und die aktuellen Daten zu. Das bringt ein sehr zielgerichtetes Arbeiten. BIM ist zudem nützlich für Firmen wie unsere, die mit mehreren Niederlassungen arbeiten.

Werden die Datenmengen, die hier verkehren, nicht zum Problem?
Das ist so. Eine grosse Bandbreite, sprich schnelle Internetverbindung, ist Voraussetzung, um auf die zum Teil Gigabyte schweren Datenpakete zuzugreifen.

BIM wurde bei suissetec bei den Planern angesiedelt.
Der Zentralvorstand hat entschieden, dass das Thema in den entsprechenden Kommissionen der Planer am besten aufgehoben ist. Zu unseren ersten Aufgaben gehört, die Mitglieder allmählich auf BIM und was damit zusammenhängt, zu sensibilisieren.

Warum sollte BIM auch Kleinbetriebe interessieren?
BIM muss alle interessieren, die gerne auf dem aktuellen Stand der Technologien sind. Technologien, die man heute und in Zukunft für die Planung und Umsetzung am Bau einsetzt. Oft gehören die Innovativen zu denjenigen, die am Markt Vorteile haben, wenn es um die Auftragsvergabe geht. Mit der Betriebsgrösse hat das nur bedingt zu tun. Je nach Nische und Spezialisierung kann auch ein mittelgrosses Projekt für ein kleines Unternehmen interessant sein, das auf BIM setzt.

Zum Beispiel?
Der Sanitärinstallateur kann aus dem digitalen Planmodell ein Rohrmass entnehmen und mit ein paar Mausklicks direkt beim Lieferanten die notwendigen Produkte bestellen.

«Mit BIM lässt sich die Wertigkeit einer Installation greifbarer darstellen.»

Gibt es suissetec-Branchen, die früher als andere mit BIM zu tun haben werden?
Die Planer sind als Erste involviert, dann die Unternehmer. Gefühlsmässig werden die Spengler früher mit BIM in Kontakt treten. Für die Materialien, die sie am Bau benötigen, herrscht heute schon ein hoher Automatisierungsgrad bei der Herstellung, gerade bei Dach- und Fassadenelementen. Bei Heizung und Lüftung wird der grosse Treiber der Unterhalt sein. Und auch vor den Sanitärgewerken wird BIM keinen Halt machen.

Also wird der Bauherr oder Immobilienbetreiber die BIM-Lösung fordern?
Tatsächlich wird der Druck aus dieser Richtung kommen. Für Betrieb und Unterhalt existiert für den Betreiber ein klarer Mehrwert durch BIM. Dank BIM weiss er genau, was, wie und wo installiert worden ist. Zum Beispiel, welcher Antrieb welches Baujahr hat, was er leistet oder nicht, wann er gewartet oder ersetzt werden muss. Das vereinfacht den Unterhalt und macht ihn kostengünstiger.

In anderen Branchen ist BIM schon längst etabliert.
Im Maschinenbau oder in der Verfahrenstechnik wird BIM schon seit sicher 20 Jahren eingesetzt. Dabei darf man nicht vergessen, dass im Vergleich die Baubranche ein sehr individuelles Tätigkeitsfeld ist. Hier ist es meist immer noch so, dass jedes Gebäude ein Unikat darstellt. Wir reden also nicht von Autos, die man einmal plant und nachher millionenfach hergestellt werden.

Wie können die Branchen von BIM profitieren?
Zum einen, indem sie dank BIM mit der Industrialisierung des Bauens Schritt halten. Zum anderen profitieren die ausführenden Unternehmer darin, dass die Gebäude und seine Elemente transparenter werden. In der Visualisierung am Bildschirm wird 1:1 sichtbar, was genau geplant ist, und zwar als Gewerk in seiner kompletten Ausprägung. Und das lange bevor der Spatenstich erfolgte. Diese neue Dimension von Veranschaulichung liefert Argumente, um Preisdebatten zu versachlichen. Mit BIM zeigt man dem Kunden am 3-D-Modell, dass an einem bestimmten Ort nicht nur ein Waschtisch hängen wird, sondern dahinter auch ein Warmwasser- und Kaltwasseranschluss und dazugehörige Leitungen und Anschlüsse installiert werden müssen.

BIM dient also auch als Marketinginstrument?
Man kann die Wertigkeit einer Installation greifbarer darstellen und damit für einen angemessenen Preis argumentieren. In dieser Transparenz sehe ich einen klaren Mehrwert gerade für die Gebäudetechnikbranchen. Der Bauherr sieht nicht nur die Abdeckung, sondern auch, was alles hinter der Vormauer steckt.

Wo sehen Sie Risiken von BIM?
Die Möglichkeit, schon sehr früh in der Planung tief ins Detail zu gehen, birgt die Gefahr, dass diese bei Änderungen im Planungsprozess nachzuführen sind. Damit der Prozess nicht ineffizient wird, sollte man also das klassische, phasengerechte Planen im Auge behalten. BIM erfordert, in der Planung den Zeitpunkt für den richtigen Detaillierungsgrad sorgfältig zu beachten. Ist man mit der Detaillierung wiederum zu spät dran, vergibt man das positive Potenzial aber ebenso.

Zu viel Transparenz ist nicht immer erwünscht.
Das ist ein Bedenken, das von vielen angemeldet wird. Ich finde, besser wäre es, die Chance zu nutzen, dank BIM in andere Gärten zu sehen. Sieht man die Schnittstellen auf einen Blick, kann BIM grösseres Verständnis erzeugen für die spezifischen Anliegen der ausführenden Unternehmen. Man sieht, was der andere installieren will, kann sich darauf einstellen oder Änderungen fordern. Planungs- und Installationsfehler sollten durch BIM deutlich reduziert werden. BIM erfordert aber ein Umdenken.

Wie wird sich die Rolle des Architekten verändern?
In kleinen bis mittleren Projekten muss er das Objekt von Grund auf in 3-D planen und das Datenmodell definieren, das zum Einsatz gelangt. Die Spezialisten für die einzelnen Baudisziplinen muss er viel früher im Prozess beiziehen. Auf der technischen Ebene muss er ein grösseres Planungsteam führen können und gewährleisten, dass über die Schnittstellen die richtigen Datenformate ausgetauscht werden.

Immer wieder wird die Simulationsfähigkeit am Bau hervorgehoben, die BIM bietet.
Simulation und Visualisierung sind mit Sicherheit Qualitäten von BIM. Ganze Bauabläufe lassen sich damit digital darstellen. Der Planer erkennt, wo Probleme durch zu viel Personal auf der Baustelle entstehen könnten. Oder es lässt in der Detailplanung prüfen, wo mögliche Kollisionen von Rohrleitungen auftreten könnten. Alles zu simulieren, ist aber wenig sinnvoll. Auch mit BIM sollte man immer noch die Planungseffizienz im Auge behalten. So ist es sicher nicht nötig, bei jedem geplanten Objekt vorab die Personenströme zu simulieren.

Wird in naher Zukunft nur noch zum Angebot eingeladen, wer BIM beherrscht?
Tatsächlich gibt es schon Ausschreibungen, die BIM verlangen. Beispielsweise war BIM bei der Sanierung des Basler Felix Platter- Spitals ein Vergabekriterium. Der Markt wird sich selbst regulieren. Und der Umbruch erfolgt bestimmt nicht von heute auf morgen. Es wird auch in 25 Jahren noch Pläne aus Papier geben.

Was braucht es, damit ein kleines bis mittleres Gebäudetechnikunternehmen an einem BIM-gesteuerten Bauprojekt teilnehmen kann?
In Sachen Bildung existieren noch nicht viele Angebote für BIM. Man muss sich also noch weitgehend selbst schlaumachen. Auch wenn man das Know-how und die nötige Infrastruktur hat, werden noch längere Zeit zwei Welten koexistieren. Also die konventionellen Planungsverfahren und diejenigen mit BIM. Die grosse Frage für den Unternehmer wird sein: Fahre ich eine Zeit lang parallel, stelle ich gleich komplett um oder warte ich möglichst lange, bis alle Fehler ausgemerzt sind.

Wie schätzen sie den aktuellen Stand der BIM-Welt in der Schweiz ein?
In der Schweiz ist man seit rund einem Jahr intensiv daran, Normierungen und Standards zu definieren. Der Prozess dauert bestimmt noch zwei, drei Jahre. Es lohnt sich aber, diese Zeit schon zu nutzen, Erfahrungen zu sammeln und BIM bei einzelnen Projekten einzusetzen. Man muss Fehler zulassen und daraus lernen. Wichtig ist, dass die suissetec-Branchen zusammenstehen und definieren, was sie unter BIM verstehen. Dafür ist suissetec nebst allen einschlägigen Verbänden ebenfalls im Vorstand von «Bauen Digital Schweiz» vertreten.

Werden in ferner Zukunft unsere Häuser von Robotern gebaut?
Den gesamten Bauprozess zu digitalisieren und zu automatisieren, wird wahrscheinlich schwierig sein. Bauen ist ja immer noch eine kreative Tätigkeit. Dort, wo ein Anspruch auf Ästhetik oder auch auf eine gewisse planerische Flexibilität am Bau besteht, wird es wohl immer Menschen brauchen, die Situationen beurteilen und sich rasch darauf einstellen. Last but not least entscheidet auch bei der Digitalisierung immer der Mensch, was er zulassen will und was nicht. ‹

Rolf Mielebacher

Rolf Mielebacher ist Partner und Mitglied der Geschäftsleitung beim suissetec-Mitglied Amstein+Walthert AG, Zürich, einem schweizweit tätigen Ingenieur- und Consultingunternehmen mit 850 Mitarbeitenden. Als Departementsleiter des Bereichs HLKS Hochbau beschäftigt er sich täglich mit Themen aus den Planungsprozessen. Darunter fällt auch BIM. In ersten Projekten konnte er mit seinem Team bereits konkrete Erfahrungen mit der Methode sammeln. Bei suissetec engagiert sich Rolf Mielebacher, von Haus aus Maschinenbauingenieur, seit fünf Jahren als Mitglied des Fachbereichsvorstands «Lüftung/Klima/Kälte». Ausserdem ist er  Vorsitzender der «Zentralen Kommission Planer» und der «Plattform Planer-Installateure».

Marcel Baud («suissetec magazin» 3/16)