Energiezukunft in Fels gemeisselt

EEnergiezukunft in Stein gemeisselt, suissetec magazin 3/2016
Foto: Béatrice Devènes

Weitab vom Tourismus in Saas-Fee rauschen am Fuss des Parkhauses beim Dorfeingang 20 Propeller einer mächtigen Lüftungsbatterie. «Mit der warmen Luft regenerieren wir im Sommer die Erdwärmespeicher», erklärt Simon Summermatter, der das neue solare Fernwärmenetz der Gemeinde mitgeplant hat. Dafür lässt das Gletscherdorf Löcher in den Fels bohren, Rohre durchs Dorf verlegen und das Parkgebäude mit Photovoltaikpanels verkleiden.

Er muss die Stimme heben, damit man ihn unter dem Tosen der Propeller versteht. Simon Summermatter und sein Kollege Dominik Marx, zuständige Projektleiter des beauftragten Generalunternehmers Lauber IWISA AG, nehmen sich Zeit und zeigen uns alle sichtbaren Komponenten des Energienetzes wie die Technikzentrale. Die heutigen Gebäudetechnik- und Energiespezialisten starteten ihre berufliche Laufbahn mit einer Lehre bei der Lonza in Visp, der sie ein Studium in Maschinentechnik folgen liessen. Wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten im Chemieunternehmen mit Einstellungsstopp waren ihre Zukunftsperspektiven aber recht unsicher. Summermatter und Marx machten aus der Not eine Tugend und sattelten deshalb von der Verfahrens- und Maschinentechnik auf die Gebäude- und Energietechnik um. Das Rüstzeug dafür holten sie sich mit einem Zusatzstudium zum Energieingenieur Gebäude an der Hochschule Luzern. Die jungen Männer wurden bei der Lauber IWISA AG mit offenen Armen empfangen. Auch im Wallis ist die Gebäudetechnikbranche um jeden hellen Kopf froh, der die energetische Trendwende voranantreibt.
Als wir vom Rondell des Parkhausdachs, das bis fast an den Rand mit PV-Panels belegt ist, auf eine fussballfeldgrosse Wiese hinunter blicken, zeigt – oder vielmehr beschreibt – Dominik Marx die weiteren, unsichtbaren Systemelemente der neuen Energieversorgung: «Dort unter der Oberläche speichern 90 Sonden auf 400 Quadratmetern Erdwärme. Auch der Verteiler, der die Erdwärmespeicher zusammenfasst, liegt dort vergraben.» Für die Sonden frassen sich die Bohrer bis auf 170 Meter in den Fels. Im Endausbau wird das Netz über mehr als doppelt so viele Erdwärmesonden verfügen; 400 seien für den gesamten Erdspeicher geplant.

Seit August 2015 am Netz
Zurück zur Technikzentrale, die im 10. Untergeschoss des Parkhauses einquartiert ist. Hier wurden die Steuerung des gesamten Fernwärmenetzwerks, die Armaturen und die Luft-/Wasserwärmepumpe (560 kW Heizleistung) installiert. «Das ist sozusagen das Herzstück des gesamten Fernwärmenetzwerks», so Summermatter. Und wenn man die dick isolierten Rohrleitungen betrachtet, darf man ruhig beim anatomischen Vergleich bleiben und in ihnen Aorta und Arterien erkennen. Zwar fliesst kein Blut, doch wer die mitunter arktischen Wintertemperaturen von Saas-Fee schon zu spüren bekommen hat, weiss, dass eine zuverlässige Wärmeversorgung hier oben, auf über 1800 Metern, genauso lebenserhaltend sein kann. Alle Anschlüsse für die weiteren Ausbauetappen sind vorhanden. «Die Zentrale ist bereits zu 100 Prozent für den Endausbau ausgelegt », räumt der 29-jährige Energiespezialist ein. Natürlich lassen sich alle Steuerungsprozesse fernbedienen. Die Anlage leitet bei Störungen automatisch einen Alarm an die 24-Stunden-Pikettdienste weiter. Sollte sich zum Beispiel an der Lüftungsanlage im Aussenbereich Eis bilden, melden das zwar Sensoren – um den Befund aber auch von Auge zu sichern, installierten die Gebäudetechniker von Lauber IWISA AG zusätzlich eine Überwachungskamera, die auf die Propellerwand gerichtet ist.

«Verglichen mit Holzfernwärme ist unser solares Fernwärmenetz absolut konkurrenzfähig. Nur der tiefe Ölpreis macht uns derzeit einen Strich durch die Rechnung.» (Bernd Kalbermatten)

«wellnessHostel4000 – Aqua Allalin» als erste Kundin
Bauherrin und Betreiberin des Fernwärmenetzwerks ist der regionale Energiedienstleister EnAlpin AG. Sie ist auch Vertragspartnerin für die Nutzer des Fernwärmenetzes, wie der im Jahr 2014 eröffneten Jugendherberge «wellnessHostel4000» mit 168 Betten, Wellness-/ Fitnessbereich und Hallenbad. «wellness-Hostel4000» war laut Simon Summermatter auch die treibende Kraft, um das Fernwärmenetz so schnell wie möglich zum Einsatz zu bringen. Der Gebäudekomplex wurde als erster Wärmeabnehmer rechtzeitig vor der Wintersaison im August 2015 angeschlossen. Die ersten Betriebsmonate hatte man mit einer mobilen Heizzentrale überbrückt. Als Nächstes geht mit dem 5-Sterne-Hotel The Capra ein weiterer bedeutender Energieabnehmer ans Netz. Die Zuleitungen sind bereits verlegt. Noch kann man die dicken Rohre im offenen Graben bestaunen.
Die Fertigstellung des gesamten Wärmenetzwerks ist in sechs Etappen gegliedert. Nach dem Willen der Projektverantwortlichen soll bis 2020 der gesamte Dorfkern von Saas-Fee mit Solarenergie versorgt werden. Das Netz ist für 2,5 MW thermische Leistung ausgelegt, während sich die totalen Anlagenkosten auf rund 10 Mio. Franken belaufen werden.

Energiestadt konkret
Bernd Kalbermatten, Gemeindeschreiber von Saas-Fee, ist stolz auf die Pionierleistung, die seine Gemeinde mit dem Projekt erbringt. Immerhin ist Saas-Fee nicht nur seit 2002 Energiestadt, sondern jetzt auch die erste hoch alpine Gemeinde, die ein solares Fernwärmenetz mit Erdspeicher betreibt, notabene ohne dass man dies werbetechnisch besonders ausschlachte, wie Kalbematten sagt. Dennoch verbreitet sich die gute Botschaft – nicht nur in Fachkreisen. Nebst Studierenden im Energiebereich, die in Saas-Fee vorbeischauten, seien auch schon einige Pressevertreter auf die Energiepioniere am Fuss des Allalin aufmerksam geworden. Klimaschutz und Unabhängigkeit der Energieversorgung vom Ausland waren damals, 2006, die Vorgaben, als man nach einem neuen energetischen Konzept für Saas-Fee suchte. Vor allem wollte die traditionell autofreie Berggemeinde den Heizölverbrauch von jährlich rund 4 Mio. Litern auf nachhaltige Art ersetzen. Zu gross waren die Bedenken in Sachen Holznachschub und -transport und den damit befürchteten Emissionen – einem für einen Touristenort ohnehin hochsensiblen Bereich. Die weitere Evaluation mündete schliesslich in der heutigen solaren Fern wärmelösung, die seit 2013 gebaut wird. Mit der EnAlpin AG als Investor und Contractor entstehen der Gemeinde keine Realisierungs- und Betriebskosten. Als Beitrag an das Projekt gewährt Saas-Fee im Gegenzug unentgeltlich die Durchleitungsrechte für das Netzwerk, das sich nach Projektabschluss auf über 1,4 km ausdehnen wird.
Was Bernd Kalbermatten momentan noch etwas Kopfzerbrechen bereitet, ist die Zurückhaltung von weiteren möglichen Netznutzern: «Der tiefe Ölpreis macht uns hier eindeutig einen Strich durch die Rechnung.» Zudem sei da und dort Neuem gegenüber in der Bevölkerung auch etwas Skepsis vorhanden. «Wenn aber Kunden wie das Hotel Capra gute Erfahrungen mit der Fernversorgung machen, bin ich zuversichtlich, dass der Funke auf weitere Abnehmer überspringen wird», so Kalbermatten.
Die Wirtschaftlichkeitsberechnungen haben übrigens aufgezeigt, dass man im Vergleich zu Holzfernwärme mit dem solaren Fernwärmenetz absolut konkurrenzfähig ist. Bleibt der aktuell (zu) tiefe Ölpreis. Der bestimmt nicht ewig währen wird. So oder so darf das Bergdorf den Zeiten, in denen die Preiskurve bei fossilen Energien wieder in die andere Richtung zeigt, mit seiner zu einem bedeutenden Teil autarken Wärmeenergieversorgung schon heute gelassen entgegensehen. ‹

Marcel Baud («suissetec magazin» 3/16)