Die Installateurin: das unentdeckte Potenzial?!

Stehen Malerinnen in weisser Arbeitskleidung am Zugperron, ernten sie zumeist respektvolle Blicke. Doch haben Sie schon je eine Frau auf den Zug warten sehen, die das Arbeitstenue einer Spenglerin oder Heizungsinstallateurin trägt?

Die Installateurin: das unentdeckte Potenzial?!

Adriano Cotti, Schulungsleiter bei suissetec nordwestschweiz, bestätigt: Die jungen Männer, die gerade den üK des zweiten Lehrjahrs Heizungsinstallateur EFZ besuchen, nehmen sich für einmal zusammen, wenn sie Sprüche klopfen. Das hat guten Grund: Mit Luana Gasser hämmert, feilt und schweisst mit ihnen am Werkbank eine Frau – in diesem Beruf sehr selten, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen: Von 2012 bis 2017 haben total 2356 Lernende das Qualifikationsverfahren (QV) zum Heizungsinstallateur bestanden, unter ihnen acht Heizungsinstallateurinnen. Bei den Sanitärinstallateuren waren in der gleichen Zeit 51 Frauen erfolgreich (von 4216), bei den Lüftungsanlagenbauern deren drei (total 234) und bei den Spenglerinnen 39 (total 1332). Die höchste Frauenquote wiesen mit 2,92 Prozent die Spenglerinnen auf, die tiefste mit 0,34 Prozent die Heizungsinstallateurinnen.

Körperliche Voraussetzungen kein Hinderungsgrund

Die Zahlen belegen die männliche Dominanz in den gebäudetechnischen Handwerksberufen. Doch warum ist dem so? Sind die Bilder zu den Berufsinhalten und -verhältnissen in den Köpfen wirklich (noch) zutreffend? Sind Frauen nicht genauso geschickt im Umgang mit Schweissanlage, Blechschere und Rohrzange? Können sie nicht ebenso gut planen, im Team arbeiten, Wind und Wetter trotzen?
Luana Gasser widerspricht dem gängigen Klischee, nach dem es vor allem um Kraft gehe und die Frauen wegen ihrer Konstitution für das Handwerk nicht infrage kommen. Adriano Cotti wischt das Argument ebenfalls vom Tisch: «Ich hatte Männer in der Ausbildung, die körperlich mancher Frau unterlegen wären.»
Nicht wegzudiskutieren sind die rauen Arbeitsumstände auf der Baustelle. Die äusseren Bedingungen oder die robusten Umgangsformen dürften zu Beginn der Grundbildung jedoch für Frauen wie für Männer gewöhnungsbedürftig sein. Also keine Killerargumente, weshalb Frauen ihr Glück nicht als Spenglerin oder Lüftungsanlagenbauerin versuchen sollten. Und es gibt sie ja, die Frauen, die erfolgreich eine Gebäudetechnikkarriere einschlagen und immer wieder für Furore sorgen, sei es an Berufsmeisterschaften oder in der höheren Weiterbildung.

Kinder früh ans Handwerk heranführen

Adriano Cotti macht immer wieder die Erfahrung, dass sich Frauen diese Jobs gar nicht erst zutrauen oder das Umfeld ihnen diese nicht zutraut. Umso wichtiger sei es für die Chance, später einen handwerklichen Beruf zu ergreifen, Kinder schon in der Primarschule an den Umgang mit Holz und Metall heranzuführen, und zwar geschlechtsneutral. So erkennen Mädchen und Jungen, ob ihnen das Werken mit den Händen liegt. Diesen Ansatz verfolgen übrigens die tüfteln.ch-Workshops für Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren. Unter der Anleitung von Lernenden bauen sie in Ausbildungsbetrieben der MEM-Industrie und der Gebäudetechnik Kugelbahnen, Flipperkästen und Raketenmobile. Neu gibt es mit tüftlerin.ch sogar Workshops eigens für Mädchen.

Die Eltern als Verhinderer

Die Ursache, weshalb gebäudetechnische Berufe kaum auf dem Wunschzettel von Frauen stehen, ist hauptsächlich noch immer im klassischen Rollenbild zu finden. Es verortet sie nicht auf dem Bau, sondern in kaufmännischen Funktionen oder sozialen Berufen. Wenn schon eine technische Ausbildung, dann höchstens im Planungsbüro. Wie Studien zeigen, wird dieses Bild bis heute weitaus am stärksten von den Eltern geprägt. Sie sind es auch, die bei der Berufswahl letztlich die grössten Beeinflusser ihrer Kinder sind.
Zu diesem Resultat gelangte auch Margrit Stamm. Die emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg schreibt: «Die Eltern spielen die wichtigste Rolle in den Laufbahnentscheidungen. Sie sind nicht nur die wichtigsten Coaches und Ratgeber ihrer Kinder, sondern haben auch einen entscheidenden Anteil, inwiefern ihre Kinder geschlechtstypische oder -atypische Berufe wählen.»*
Nach Stamm wählen Mädchen und Knaben nur dann einen geschlechtsuntypischen Beruf, wenn ihre Eltern selbst in solchen Berufen tätig sind oder ein progressives Geschlechtsrollenbild haben. Bestätigt wird das nicht nur von Luana Gasser, deren Vater einen Heizungsbetrieb führt, sondern von vielen der Frauen, die einen Handwerksberuf in der Gebäudetechnik ausüben. So wuchs etwa Yvonne Abächerli damit auf, dass sie ihr Vater immer wieder auf Baustellen mitnahm und sie so den Sanitärberuf schon früh kennenlernte. Obwohl sie erst Primarlehrerin werden wollte, entschied sie sich später für die Lehre zur Sanitärinstallateurin, bildete sich weiter bis zur Meisterin und arbeitet heute im elterlichen Sanitärunternehmen.
(*Dossier: «Nur keine Berufslehre! Eltern als Rekrutierungspool»

Blicke über den Gartenhag

Einer, der sich zu Frauen in bisher für sie untypischen Berufen auch Gedanken macht, ist Paul-Pierre Egli, Verantwortlicher für Berufsbildung beim Mitgliedsunternehmen ENGIE. Wie er sagt, sind seit 2013 die Frauen, aber auch Migranten bezüglich Nachwuchs im Konzern ein Thema. Doch im Vergleich zu Migranten sei man bei Frauen seither weit weniger erfolgreich gewesen, sie für gebäudetechnische Berufe zu gewinnen. Unter den aktuell 90 Lernenden finden sich bei ENGIE zwei Planerinnen, zudem eine Praktikantin, die ein Ingenieurstudium absolviert.
Bei den handwerklichen Berufen erinnert sich Egli in den letzten zehn Jahren an nur eine einzige Frau, die sich zur Lüftungsanlagenbauerin ausbilden liess. Auch für ihn liegt die Krux in der Berufswahl bei den in der Gesellschaft und den Eltern verankerten Stereotypen: «Wenn schon bei der Mutter und dem Vater das Bild des Heizungsinstallateurs männlich ist, dann wird es schwierig, dass die Tochter den Beruf auch nur in Betracht zieht.»
Laura Kopp, beim Verband Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen (VSEI) zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, bestätigt, dass sich im Gegensatz zu den planerischen Grundbildungen oder der Telematikerin auch in ihrer Branche die Frauen eine Tätigkeit auf Baustellen nur schwer vorstellen könnten. Oft handle es sich aber um ein Wahrnehmungsproblem, denn viele Arbeiten fänden gar nicht auf der Baustelle statt. Um Mädchen und Jungen für die Berufe zu interessieren, tourt der VSEI mit einem «Smart Home Mobile» durch die Schweiz und wirbt an Schulen und Messen für die Berufe der Elektrobranche. Dabei seien auch Anlässe, die sich gezielt an Mädchen richteten. Die positiven Rückmeldungen, die der VSEI von Frauen erhalte, die bereits in der Branche tätig seien, würden dem Verband Mut machen, dass sich ihr Anteil in den kommenden Jahren steigern werde, blickt Laura Kopp in die Zukunft.
Schon seit Jahrzehnten sind die Malerinnen in dieser Zukunft angekommen. Wie Petra Braun, Bereichsleiterin Marketing und Nachwuchsförderung beim Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmer-Verband (SMGV) erklärt, sind es die Frauen, die im Malerberuf die Nachwuchsprobleme abfangen. Bis Mitte der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts war das Gewerbe fest in Männerhand. Die Entwicklung gipfelte darin, dass ab den Nullerjahren der Frauenanteil an lernenden Malern denjenigen der Männer sogar übertraf. Der Trend hält bis heute an: 2017 betrug die Quote bei den Malerinnen immer noch 47 Prozent.
Der Clou: Laut Petra Braun hat der SMGV nie spezielle Massnahmen ergriffen, um vermehrt Frauen in eine Malerlehre zu bringen: «Sie haben diesen Beruf ganz einfach für sich entdeckt», kommentiert sie. Nebst der sprechenden Berufsbezeichnung sieht Braun eine mögliche Erklärung im gestalterischen Element, das die Frauen lockt – auch wenn dieses in der Praxis längst nicht immer vorhanden ist.
Ein Wermutstropfen bildet für den SMGV die Verweildauer der Frauen im Beruf. Petra Braun: «Da Teilzeitstellen in unseren Branchen noch sehr unüblich sind, springen viele ausgebildete Malerinnen schon nach kurzer Zeit wieder ab.» Aus Sicht der Gebäudetechnikberufe würde man hier von einem Luxusproblem sprechen, verfügt man bisher doch kaum über eine erwähnenswerte Anzahl handwerklich tätiger Frauen, die sich über Teilzeitarbeit den Kopf zerbrechen könnten. Dennoch macht es sicher Sinn, auch in diese Richtung zu denken. Flexible Arbeitszeitmodelle werden – nicht nur für Frauen – zunehmend an Bedeutung gewinnen und viel zur Attraktivität der gebäudetechnischen Berufe beitragen.

Bereicherung für die Branche

Neue Generationen von Gebäudetechnikern zu generieren, ist und bleibt eine Hauptaufgabe von suissetec. In der Nachwuchswerbung bei der Ansprache zwischen Frauen und Männern zu unterscheiden, würde sicher über das Ziel hinausschiessen. Und dass der latente Mangel an fähigen handwerklichen Berufsleuten mittelfristig, analog zu den Malern, von Frauen aufgefangen werden kann, ist mehr als fraglich. Liesse sich der Anteil aber nur schon in Richtung der Quote der Gebäudetechnikplanerinnen von immerhin 12,4 Prozent steigern (Anteil erfolgreicher QV-Absolventinnen von 2012 bis 2017 nach BFS), wäre schon einiges erreicht. Sicher ist: Durch mehr Frauen würden die Unternehmen einerseits von einem Zuwachs an Fachkräften profitieren, andererseits wäre die vermehrte Gegenwart von handwerklichen Berufsfrauen in Werkstätten und auf Baustellen in jeder Hinsicht ein unschätzbarer Gewinn für die gesamte Branche.

 Marcel Baud («suissetec magazin» 2/19)