Der Roboter: unser Freund?

Der Roboter: unser Freund?
Illustration: Wolfgang Hametner

Der von der ETH konstruierte Apparat türmt die Ziegelsteine langsam, aber präzise auf. Nimmermüde greift sich sein künstlicher Arm per Saugvorrichtung Stein für Stein und bewegt sich auf seinen Raupen entlang der wachsenden Mauer. Montiert man eine andere «Hand», verlegt er Plättli oder flicht Stahldraht, in den flüssiger Beton gegossen wird. Die norwegische Firma nLink hat einen Bohrroboter entwickelt. Die Maschine versieht auf der Baustelle millimetergenau Decken mit Serien von Löchern für elektrische, mechanische oder sanitäre Installationen. Selbstverständlich basiert das Bohrschema auf dem vom Planer designten BIM-Modell. Anzahl und Position der Löcher werden detailliert registriert. Die eigenen vier Wände aus dem 3-D-Drucker? Ein russisches Startup macht’s möglich. Das System, genau genommen auch ein Roboter, sprüht mit einem speziellen Betongemisch innert 24 Stunden den Rohbau eines kompletten Hauses. Mit Microsoft hat ein weiterer Hersteller eine Virtual-Reality-Brille auf den Markt gebracht und dazu einen süffigen Werbetrailer mit Anwendungsbeispielen ins Web gestellt. Darin montiert eine Dame mit aufgesetzter VR-Brille im Bad einen Waschtisch-Siphon. Angeleitet von einem Sanitärinstallateur, der gemütlich zu Hause im Sofa sitzt. Seine Anweisungen tippt er auf ein Tablet. Die Frau erkennt in der augmentierten Realität, wie sie das Bauteil festzuschrauben hat. Betritt der Installateur der Zukunft doch noch persönlich die Baustelle, dann vielleicht auch mit VR-Brille, die sein Blickfeld mit computergenerierten Objekten anreichert. Dank Indoor-Navigation braucht er sich über Räume und Positionen der zu installierenden Elemente kaum mehr Gedanken zu machen. Die Montagepläne werden direkt auf Wände und Decken projiziert; Stücklisten und benötigtes Werkzeug gleich mit eingeblendet.

Doch was folgt darauf? Wird der Gebäudetechniker dereinst komplett vom Roboter ersetzt? Während viele Berufsgruppen durch Automatisierung ihrer Abschaffung ins Auge blicken, bleibt dies in den Ausbaubranchen vermutlich noch auf lange Sicht Science-Fiction. Heizungs- und Sanitärinstallateure,  Lüftungsanlagenbauer und Spengler haben vorab keine mechanische Konkurrenz zu fürchten. Zu komplex sind die Aufgaben, die es in ihrem Metier zu erledigen gilt. Die Automatisierung wird sich – soweit absehbar – hauptsächlich auf repetitive Tätigkeiten, namentlich in der industriellen Vorfabrikation beschränken. Vor allem das taktile Wahrnehmungsvermögen des Installateurs aus Fleisch und Blut, seine Materialkenntnisse, handwerkliches Geschick und die Fähigkeit, mit unerwarteten Problemen und Situationen umzugehen, werden nicht so schnell von Robotern mit künstlicher Intelligenz abgelöst.

«Die digitale Revolution ist genauso wenig aufzuhalten, wie alle Innovationen, die der technologische Fortschritt in der Geschichte hervorgebracht hat.»

Eher denkbar sind Szenarien einer zunehmenden Koexistenz auf der Baustelle von Mensch und Maschine. Eigentlich ist ja nichts einzuwenden, wenn ein Roboter dem Installateur die anstrengende Überkopfarbeit mit der Schlagbohrmaschine abnimmt. Düsterer sieht es aus für Berufe wie den der Kassiererin, die vom Selfscanning-Terminal verdrängt wird. Oder den SBB-Zugbegleiter. Der SwissPass weist offenkundig auf die sensorische Selbstkontrolle des Bahnbilletts hin. Angesichts durchautomatisierter Arbeitsabläufe vom Angebot bis hin zur Lieferung entfallen schon heute vielerorts Sachbearbeiter, Logistiker und bald der Postbote – wenn in naher Zukunft die Flugdrohne das Paket bis vor die Haustür liefert. Auch Taxifahrer, Lastwagenchauffeure und Lokomotivführer sollten sich in Sachen selbstfahrender Vehikel Gedanken über ihre beruflichen Perspektiven machen. Und es erstaunt durchaus, dass die kaufmännische Lehre bei Berufsanwärtern immer noch als so attraktiv gilt. Immerhin nehmen gerade im Administrations- und Verwaltungssektor maschinelle Verarbeitungsprozesse unaufhaltsam zu. Andere Branchen werden ohne helfende Technologien womöglich überhaupt nicht mehr funktionieren. Ich wäre jedenfalls nicht überrascht, würde mir dereinst im Altersheim ein künstlicher Pflegemitarbeiter morgens beim Aufstehen unter die Arme greifen.

Aber was plant unsere Gesellschaft mit all jenen Menschen, deren Arbeitsinhalte von Automaten übernommen werden? Wir können ja nicht all die Postboten, Kassiererinnen, Taxifahrer und Sachbearbeiter zu Akademikern und Informatikspezialisten «um-»bilden. Der Quereinstieg in einen Gebäudetechnikberuf scheint da um manches realistischer. Schon einige Bürofachleute wagten den Schritt ins Handwerk und liessen sich beispielsweise zu Solarspezialisten umschulen. Die digitale Revolution ist genauso wenig aufzuhalten wie alle Innovationen, die der technologische Fortschritt in der Geschichte hervorgebracht hat. Die Vergangenheit lehrt aber auch, dass Politik, Gesellschaft und Wirtschaftsverbände gut beraten sind, den Einsatz dieser Innovationen sorgfältig und nah zu begleiten. Der gewaltige Strukturwandel hat erst begonnen – seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt dürfen keinesfalls unterschätzt werden.‹

Marcel Baud («suissetec magazin» 3/17)