Brückenbauerinnen über den Röstigraben

«Ein Grundprinzip unseres Berufs lautet, dass man einen Text versteht, bevor man ihn übersetzt und nicht, dass man ihn erst übersetzen muss, um ihn zu verstehen», erklärt Marion Dudan. Ihre Aufgabe sei nicht nur, Sätze in eine andere Sprache zu giessen. Wortspiele und Redensarten so zu übertragen, dass die Finessen wirkten, erfordere mehr: «Für einen Facebook-Post wählen wir nicht die gleiche Sprache wie für eine Medienmitteilung. Wir müssen Ton und Stimmung des Originaltextes zielgruppengerecht treffen.» Auch das mache ihren Job spannend.

Werden Dudan und Dupraz auf maschinelle Übersetzungssysteme angesprochen, ziehen sie die Stirn in Falten: «Im Gegensatz zum Onlineübersetzer wissen wir um den Empfänger und den Zweck des Textes. Und überdies entdecken wir nicht selten Inkohärenzen oder sogar Fehler im Ausgangsmanuskript.»

«Ein Mensch blickt beim Übersetzen über den Text hinaus, das schafft kein Computer», pflichtet Dupraz bei. Damit meint sie, beispielsweise bei einer Metapher oder einem Slogan nach einer Alternative zu suchen, falls es keine Eins-zueins-Entsprechung im Französischen gebe.

Abgekapselt in der «Blase»

Die anspruchsvollsten Aufträge seien technische Merkblätter oder Präsentationen für ein Fachpublikum. Diese Übersetzungen liessen sie von den Fachlehrern des Bildungszentrums
gegenlesen.

«Haben wir wirklich den treffenden Ausdruck gewählt? Und ist dieser im jeweiligen Bereich geläufig?» sind Punkte, die überprüft würden. Werbespots seien ebenfalls anspruchsvoll. Nebst der reinen Übersetzung gelte es hier, die Synchronisierung mit dem Bild zu beachten. Um die Konzentration hochzuhalten, tauchen die Übersetzerinnen bei der Arbeit mental in eine Art «Blase» ein. «Wir sind froh, dass jede von uns ein eigenes Büro hat», fügt Dupraz an. Und dass ie nicht von allzu vielen Telefonanrufen gestört würden.

Arbeitsvorrat und -fortschritt verwalten sie mit einem Projektmanagement-Tool. Dabei organisieren sie ihre Arbeit so, dass eine der beiden übersetzt und die andere Korrektur liest. «Natürlich haben wir beide unsere Lieblingswendungen und Sprachtricks», verrät Dudan augenzwinkernd. Knifflige Passagen diskutierten sie gemeinsam, die resultierende Essenz sei meist die beste Variante.

Liebe auf den ersten Blick – beruflich

Als sich die beiden Übersetzerinnen vor sechs Jahren bei suissetec kennenlernten, sei das beruflich «Liebe auf den ersten Blick» gewesen. Sie hätten an der Genfer Universität mit zeitlichem Abstand an der Fakultät für Übersetzen und Dolmetschen studiert. Heute teilen Marion Dudan und Magali Dupraz denselben hohen Qualitätsmassstab. Dass sie so harmonierten, sei bei Ausbruch der Coronapandemie besonders hilfreich gewesen. Vom Homeoffice aus hätten sie ihre Prozesse schnell angepasst und wichtige Expressaufträge zusätzlich zum normalen Arbeitsaufwand erledigt.

Obwohl ganztags mit Wörtern beschäftigt, lesen die Übersetzerinnen in der Freizeit trotzdem gern ein Buch. Bei der Arbeit sezierten sie den Text. Sich in einen spannenden Krimi zu vertiefen, sei ein anderer Ansatz, da gehe es um Entspannung und Vergnügen. ‹

Marcel Baud («suissetec magazin» 2/20)