Arbeitsplatz mit Aussicht

Sanitär- und Heizungsinstallateure, Maurer, Holzbauer und Elektriker sitzen einträchtig gemeinsam am Znünitisch. Was im Tal eher selten vorkommt, ist  bei der Renovierung und dem Ausbau der Spannorthütte SAC in den Urner Alpen auf 1956 m ü. M. normal. Genauso, dass die Handwerker nicht zur Baustelle fahren, sondern mit dem Heli geflogen werden.

Arbeitsplatz mit Aussicht
Sanitärinstallateur André Gisler schliesst die neue Wasserfassung der Spannorthütte für den Winter. (Foto: Patrick Stoll)

Als ich mit dem Fotografen Patrick Stoll auf der Stäfelialp, einem Hochtal nahe Engelberg OW, eintreffe, dämmert es gerade. Die Ruhe trügt. Von fern hört man die brummenden Rotoren eines Hubschraubers, der bereits erste Transportaufträge in der Bergregion am Abarbeiten ist. Zum verabredeten Zeitpunkt, Schlag acht, pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk, schwebt der Heli ein zum Landeplatz. Wir steigen zu und werden nur eine Minute später und 563 Höhenmeter weiter oben kaum einen Steinwurf von der Spannorthütte entfernt abgesetzt. Das kurze Vergnügen zeigt auf, welch enorme Zeitersparnis Helikopter für logistische Aufgaben in den Bergen bringen. Aufgrund der hohen Kosten für die Flugminuten wollen die sogenannten Rotationen für Personen und Materialtransporte aber akribisch geplant sein.

«Man muss psychisch fit sein, um hier oben arbeiten zu können.» André Gisler

Pflegeleichte Gebäudetechniker
In der Hütte treffen wir zuerst auf Silvia Hurschler Bieri. Sie werkt gerade in der Küche. Die Hüttenwartin, ihr Mann Martin und Sohn Aaron erlangten einige Bekanntheit durch die SRFSerie «Hüttengeschichten». Ob die Sendung sich auch positiv auf die Übernachtungszahlen auswirken wird, kann Hurschler Bieri ab nächstem Juni sagen, wenn alle Arbeiten abgeschlossen sind und der Betrieb zur ersten Saison mit dem erneuerten und erweiterten Gebäude aufgenommen wird.
Die Hütte ist seit Ende der Sommerferien für Gäste geschlossen. Aktuell kocht Hurschler Bieri statt für Berggänger für Gebäudetechniker. Sie betont, wie problemlos und pflegeleicht das Zusammenleben mit den Handwerkern sei. Diese scheinen auch Rücksicht darauf zu nehmen, dass die Hüttenwartin gemeinsam mit ihrem Sohn im Kindergartenalter hier oben lebt. Gerade streckt der Elektriker seinen Kopf in die Küche und fragt: «Schläft Aaron noch?» Hurschler Bieri verneint. Einen Moment später dröhnt die Bohrmaschine.
Unterhalb des bestehenden Gebäudes, im neu erstellten Anbau, treffen wir auf die Mitarbeiter der Arnold AG. Der suissetec-Mitgliedsbetrieb hat mit André Gisler, Sanitärinstallateur, Erwin Tresch und Pascal Friedli, beide Heizungsinstallateure, und dem erst 15-jährigen lernenden Sanitärinstallateur Linus Haelters, gerade vier Gebäudetechniker im Einsatz. Die Installateure werden jeweils Anfang Woche hochgeflogen und bleiben meist drei Tage und Nächte an ihrem alpinen Arbeitsort. Insgesamt 100 Mannstage für Sanitär, 35 für Heizung, 20 Heliflüge (Rotationen) für Personal und 26 für Material – so wird sich nach Projektabschluss in etwa der Aufwand des Schattdorfer Heizungs- und Sanitärunternehmens für die «neue» Spannorthütte präsentieren.

Interessierte Berggänger
«Vor Ort ist es eigentlich eine Baustelle wie jede andere», blickt André Gisler auf die bisherigen Arbeiten zurück. Es ist seine erste SAC-Hütte, in der er tätig ist. Die Arnold AG selbst hat hingegen schon einige Projekte für SAC-Hütten ausgeführt. Diese Erfahrung war gemäss Max Horat, Abteilungsleiter Sanitär bei der Arnold AG, mitentscheidend für den Auftrag in der Spannorthütte. Markante Unterschiede zu einem normalen Bau gebe es in der Vorbereitung, so André Gisler. Da sei der Aufwand viel grösser. «Man muss sich sehr genau überlegen, was man für die Woche alles mitnimmt. Schnell zurück in die Bude etwas holen funktioniert hier nicht.» Zudem müsse man flexibel sein und manchmal auch improvisieren können. Stehe man aus irgendeinem Grund an einem Arbeitsort an, arbeite man halt an einem anderen weiter.
Auf besondere Erlebnisse angesprochen erinnert sich der 28-Jährige an die erste Zeit der Bauarbeiten im vergangenen Sommer. Das war, als sie die neue Wasserfassung und die Wasserleitung erstellt hätten. Zu jener Zeit wurde die Hütte noch von Berggängern frequentiert. «Die haben dann gern und lang mit uns geredet und auch viele Fragen gestellt.» Das sei etwas schwierig gewesen, denn man wollte ja nicht zu viel Zeit verlieren und mit der Arbeit vorankommen. «Andererseits gibt man ja schon Auskunft, wenn sich jemand dafür interessiert, was man gerade baut», sagt der Sanitärinstallateur nicht ohne Stolz.
«Helifliegen ist für uns nichts Spezielles mehr», kommentiert Gisler den unkonventionellen Arbeitsweg. Für ihn eben nicht mehr als ein Arbeitsweg. Fast so, als stiege er im Tal in den Bus. Einiges anstrengender sei jeweils die Rückkehr nach unten. Die rund einstündige Wanderung über teils recht steiles Gelände nehmen die Handwerker dann zu Fuss in Angriff. «Man muss physisch und psychisch fit sein, um hier oben zu arbeiten. Zum Beispiel schläft nicht jeder gut auf dieser Höhe», konstatiert der Sanitärinstallateur. Und man müsse mit anderen auskommen. «Ohne Teamgeist arbeitet man hier aneinander vorbei.» Mit den Leuten reden können, auch mit jenen der weiteren Disziplinen, sei das A und O. Umso mehr, als dass ihre Schicksalsgemeinschaft oft mehrere Tage auf engem Raum zusammenlebe. Nach den langen, oft bis zwölfstündigen Arbeitstagen – was wolle man hier oben auch anderes machen –, sitze man dann gerne noch bei einem Bier. Daraus seien auch schon zwei, drei gute Abende geworden, lacht Gisler augenzwinkernd.

Energetisch und ökologisch durchdacht
Es gibt einiges zu tun für die Installateure. Die 1880 eingeweihte Hütte wurde bereits zweimal erweitert (1901, 1961) und zählte bis vor kurzem noch zu den eher einfachen SAC-Hütten. Eine ungenügende Küche, nur ein einziges Aussen- WC für 40 Gäste und das Hüttenwartteam, keine Waschgelegenheiten (nur eine Aussendusche für die Hüttenwartin) sowie eine mangelhafte und störungsanfällige Energieversorgung führten nun zum umfassenden Um- und Ausbauprojekt. Im Zentrum steht ein Erweiterungsbau unterhalb der bestehenden Hütte mit vier Schlafräumen, neuen Sanitäreinrichtungen mit geschlechtergetrennten Waschräumen, zwei WC-Anlagen, einem Pissoir, Dusche und Waschbecken.
Weil bei der erweiterten Spannorthütte nebst energetischen auch ökologische Überlegungen eine grosse Rolle spielen, sind die Toiletten als Kompost-WCs ausgelegt. Dabei werden Feststoffe von flüssigen Abfallstoffen getrennt. Auf dieser Höhe lassen sich Feststoffe mithilfe von Mikroorganismen noch kompostieren.
Im Sockel des Anbaus sind die gesamten gebäudetechnischen Installationen wie Fettabscheider, Warmwasserspeicher, WC-Behälter, Batterien sowie das Gaslager untergebracht. Hier sind die Heizungsinstallateure Erwin Tresch und Pascal Friedli gerade mit letzten Handgriffen beschäftigt.
Auch Erwin Tresch weiss, worauf es ankommt, wenn man hier oben an solch exponierter Lage erfolgreich arbeiten will: «Du musst vor allem selbständig sein und dich gut organisieren können. Hierhin kannst du längst nicht jeden schicken, schon gar keinen Temporären.»
Die Installationen können vor dem Wintereinbruch nicht mehr ganz abgeschlossen werden. Im Moment geht es darum, die Baustelle stillzulegen und winterfest zu machen. Die Abreise der Arbeiter, jetzt Ende Oktober, ist für den nächsten Tag geplant, denn erster Schnee ist bereits gefallen. «Wir sind aber im Plan», sagt André Gisler mit Blick auf den Mai 2018, wenn die Hütte wieder zugänglich sein sollte und die finalen Installationen wie die Fertigmontage der Nasszellen oder die Heizungsinbetriebnahme anstehen. Jetzt gehören vor allem die Systeme und Leitungen vom Wasser entleert, um Schäden durch Vereisung zu vermeiden.
«Das Wetter ist hier oben ein wichtiger Faktor», räumt Gisler ein. «Es kann sehr schnell gehen. Bist du draussen am Arbeiten und zieht ein Gewitter auf, ist Eile angesagt. Dann heisst es rasch zusammenpacken, um rechtzeitig in der Hütte zu sein.» Oder wenn es Nebel habe, könne der Heli nicht fliegen und Baumaterial nicht transportiert werden. Dann müssten die Mitarbeiter zu Fuss den anstrengenden Hüttenaufstieg bewältigen.

Wasserturbine sorgt für Strom
Verantwortlich für das von der Albert Koechlin Stiftung unterstützte und rund 2,1 Mio. Franken teure Gesamtprojekt zeichnet Architekt Dieter Schlatter (map architektur + immobilien gmbh, Wallisellen ZH), die Bauherrschaft liegt beim Besitzer der Hütte, der SAC-Sektion Uto. Das Energiekonzept stammt von der esotec gmbh, Innertkirchen BE, mit dem Grundsatz, für die Auslegung der neuen Energieversorgung den möglichst autarken und CO2-freien Betrieb während der gesamten Bewartungszeit sicherzustellen. Hierzu wird die Energie hauptsächlich mit einer vom Lägernbach getriebenen Kleinstturbine erzeugt, die mit einer nutzbaren Höhendifferenz von rund 90 Metern unterhalb der Hütte installiert ist. Damit die Turbine keinen Schaden nimmt, wird sie jeweils vor der Winterpause demontiert. Unterstützend wirkt eine Photovoltaikanlage. Die neue Solarbatterie kann die Hütte etwas mehr als drei Tage autonom mit Strom versorgen. Die für Warmwasser und Heizung nötige Energie wird primär mit thermischen Solarkollektoren erzeugt. Ergänzend wirkt eine hocheffiziente Gastherme. Energie für Ofen und Herd liefern Gas oder Holz.
Zur Versorgung gehört auch die erwähnte Wasserfassung, die 53 Höhenmeter oberhalb der Spannorthütte von den Sanitärinstallateuren der Arnold AG eingerichtet wurde. André Gisler zeigt uns die Stelle, er muss ohnehin die Bachwasserfassung für den Winter schliessen. Ein technischer Leckerbissen stellt hier der sogenannte Coanda-Rechen dar. Dieser Rechen hält die vom Lägernbach mitgeschwemmten Partikel zurück, ist selbstreinigend und funktioniert sogar noch bei –25 °C.
Aber ehrlich gesagt lenkt uns schon bald die erhabene Weite der Bergwelt von allen technischen Finessen ab. Den Gross Spannort und den Schlossberg im Rücken wenden wir immer wieder den Blick dem grossartigen Panorama zu. Tatsächlich, man könnte fast etwas neidisch sein auf die Installateure der Arnold AG und ihren nicht alltäglichen Arbeitsplatz mit Aussicht.

Marcel Baud («suissetec magazin» 5/17)