Am Gängelband des Generalunternehmers

Die Beziehung zwischen dem Bauherrn/Investor, General- oder Totalunternehmer und dem ausführenden Unternehmer ist zunehmend belastet. Letzterer muss, um den Auftrag nicht zu gefährden, häufig Vertragsklauseln akzeptieren, die weit von einem fairen Geschäft entfernt sind. Welch verheerende Konsequenzen vermeintlich harmlose Paragraphen im Werkvertrag mit sich bringen können, verdeutlicht vorliegender Fall.*

Am Gängelband des Generalunternehmers

Zu Beginn vergleicht unser Gesprächspartner, er ist Spartenleiter eines grossen suissetec Mitgliedsbetriebs, das Verhältnis zu General beziehungsweise Totalunternehmern (GU/TU) mit einem Orientierungslauf: Der OL-Läufer (Unternehmer) erhält die Karte mit den anzulaufenden Posten und muss vorab eine Schätzung abgeben, wie lange er bis ins Ziel benötigt. Mit den Karteninformationen budgetiert er seine Zeit auf 45 Minuten. Der Coach (GU) verspricht: «Falls du es in 40 Minuten schaffst, kommst du ins Nationalkader.»

Der Läufer stimmt zu, obwohl er weiss, dass er damit weit über seine Grenzen gehen muss. Was er nicht weiss: Spontan wurden Posten auf der Strecke umpositioniert und sogar zusätzliche hinzugefügt. Zudem ist das Terrain auf dem Kartenmaterial falsch gekennzeichnet. Statt auf freie Wiese trifft der Läufer auf Sumpfgebiet, und ein Waldstück muss aufwendig umlaufen werden, weil dort gerade Bäume gefällt werden. Schliesslich erreicht der Läufer völlig erschöpft das Ziel. In 50 statt 40 Minuten. Man mag meinen, die Frage, wer am «Scheitern» des OL-Läufers schuld sei, erübrige sich. Überträgt man diesen Vergleich aber auf gängige, werkvertraglich realisierte Bauvorhaben, ist die Antwort auf die Frage, wer versagt hat, schwer nachvollziehbar: Denn egal, welche unvorhersehbaren Hürden der ausführenden Firma im Bauprozess in den Weg gelegt werden; Werkverträge sind heutzutage oft so formuliert, dass die Risiken vollständig beim Installateur liegen.

Schuldlos zum Zahlen genötigt

Im nachfolgenden Fall wurde dem Gebäudetechniker folgender Satz im Werkvertragsvorspann zum Verhängnis: Die Installation ist durch das ausführende Unternehmen bis zur Bauabnahme zu schützen. Eigentlich keine unübliche Formel, kennt doch jeder Sanitärinstallateur diese Klausel und schützt seine Keramikinstallationen vor Arbeiten nachfolgender Gewerke.

Jedenfalls installierten die Mitarbeitenden unseres Gesprächspartners in einem grösseren, neuen Dienstleistungsgebäude termingerecht Kühldeckenelemente, die zwecks anderer Arbeiten vorübergehend wieder demontiert werden mussten. Bereits der Demontageaufwand war im Auftrag nicht vorgesehen, wurde aber kulanterweise ohne Kostenfolge vom Unternehmer übernommen und die Materialien in einem abschliessbaren, vom GU zugewiesenen Raum zwischengelagert.

Als die Installateure für die Remontage wieder aufs Objekt gerufen wurden, trafen sie auf ein Debakel: Die zwischengelagerten Bauteile wurden durch Vertreter dritter Gewerke unsachgemäss versetzt und dabei teilweise irreparabel beschädigt. Trotz offensichtlichem Unverschulden des ausführenden Betriebs verlangte der GU mit Verweis auf den genannten Werkvertragspassus erstinstanzlich, dass die Installationen instand gestellt würden und einzelne Komponenten komplett zu ersetzen seien – und zwar zulasten des Unternehmers. Nach intensiven Verhandlungen einigte man sich schliesslich auf eine hälftige Teilung der Mehrkosten. Der GU stellte in Aussicht, die Bauwesenversicherung anzurufen, räumte aber gleichzeitig ein, dass eine allfällige Schadenübernahme primär dem GU gutgeschrieben würde. Eine Erstattung an den Unternehmer erfolgte bis heute nicht.

Kein Einzelfall

Dieses Beispiel sei exemplarisch dafür, wie Unternehmer immer stärker durch GU ans Gängelband gelegt würden, so unser Gesprächspartner. Dabei seien die Ausführenden ab einer gewissen Betriebsgrösse auf GU- geführte Grossprojekte schlicht angewiesen, obwohl sie diese infolge des heute üblichen desaströs tiefen Preisniveaus kaum mehr rentabel umsetzen könnten. Die pure Angst, als Firma gemieden zu werden, halte den Unternehmer davon ab, einzelne Passagen in Werkverträgen auch nur schon in Frage zu stellen. So würden Dokumente unterzeichnet, die einzig die Interessen des GUs abdeckten und bei denen die Risiken nahezu vollumfänglich beim Unternehmer lägen. Bei Konflikten würde vom GU unter Androhung von juristischen Konsequenzen gar der direkte Kontakt zum Investor untersagt. ‹

Marcel Baud

*Der Inhalt des Artikels wurde aus Gründen des Quellenschutzes anonymisiert.

(«suissetec magazin» 3/20)